presse : interviews

Christian Endres

Geek! Romane. George Orwells Klassiker 1984 und Farm der Tiere
Neusprech in geballter Neuübersetzung

Orwell ist ein Klassiker, der sich durch seine inhaltliche Aktualität hervortut. Wie »altmodisch« soll, kann und darf sein Werk in einer Neuübersetzung klingen? Gerade auch, weil ich bei Reclam-Ausgaben immer an Schüler und Studierende denke. Will man die dann umso mehr mit möglichst moderner Sprache erreichen? Oder worauf achtet man heute beim Übersetzen einer Fabel vor allem?

Wie sich meinem Nachwort entnehmen lässt, habe ich zwar eine teils politisch, teils literarisch motivierte innere Distanz zu dem Werk, zugleich aber schätze ich Orwells schnörkellose Prosa sehr.
       Farm der Tiere hatte ich als 14jähriger Gymnasiast kennengelernt (in den 60er Jahren, zur Zeit des Kalten Krieges, wurde ganz Westdeutschland mit dem Büchlein traktiert); beim Übersetzen hatte ich jedoch weder leidende Schüler noch überhaupt heutige Leser vor Augen. Auf keinen Fall konnte es darum gehen, eine »schüler*innengerechte« Diktion zu finden (so wie inzwischen die Bibel fatalerweise in »zielgruppenorientierter Sprache« angeboten wird); vielmehr kam es darauf an, nach bestem Wissen und Gewissen Orwells bewundernswert klarer Ausdrucksweise gerecht zu werden. Auch galt es, die märchenhaften Aspekte zu unterstreichen.
       Für Translationswissenschaftler dürfte es ein Fest sein, die zahlreichen Neuübersetzungen zu vergleichen, zwischen denen kein zeitlicher Abstand besteht wie etwa zur Erstübersetzung von N. O. Scarpi (d. i. Fritz Bondy, 1946) oder zur Zweitübersetzung von Michael Walter (1982), sondern die sich, gerade auch in Fragen wie »altmodisch« vs. »modern«, dadurch voneinander unterscheiden werden, dass sie jeweils von einem »unter dem besonderen Neigungswinkel seiner Existenz sprechenden Ich« (Paul Celan) verfertigt wurden.

George Orwell: Farm der Tiere. Eine Märchenerzählung. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser. Stuttgart: Reclam, 2021.

 

(Geek!, Mai/Juni 2021, S. 57)

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