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Irland: Glaube, Liebe, Hoffnung – Armut, Qual und Buße. Irische Augen-Blicke. Zusammengestellt von Barbara Freitag und Hans-Christian Oeser. die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. 33 (1988) 3. Ausgabe 151. Bremerhaven (Wirtschaftsverlag) 1988.

 

Von GIaube, Liebe, Hoffnung, aber auch von Armut, Qual und Buße handelt Heft 151 der Zeitschrift die horen, das ganz dem Phänomen Irland und seiner zeitgenössischen Literatur gewidmet ist. Herausgekommen ist dabei auf 280 eng bedruckten und reich bebilderten Seiten ein repräsentativer Querschnitt durch die irische Kultur der achtziger Jahre, der behutsam und differenziert Legenden und Klischees korrigier, denen selbst Freunde und Kenner der Grünen Insel seit Jahren ausgeliefert sind.

      Die Liebe der Deutschen zu Irland hat vielschichtige, irrationale Gründe: Das geteilte und um seine nationale Identität ringende Land darf unserer mitfühlenden Sympathie sicher sein, zudem ist das
deutsch-irische Verhältnis durch den Zweiten Weltkrieg nicht belastet. Und seit Bölls "Irischem Tagebuch" (1957) wurde die Insel zu einem Kultland für Aussteiger und Alternative aller Schattierungen. Das arme und wirtschaftlich zurückgebliebene
Land wurde zu einer Art Atlantis: Dort konnte und kann eine versunkene europäische Kultur besichtigt werden, die noch nicht durch Schnellstraßen, Touristenurbanisationen und ausgedehnte Industriezonen zerstört ist. Zudem ein Land, das eine Vorstellung von heiler Natur vermittelt, die in unseren Breiten ihresgleichen sucht.

      Doch nicht davon ist in den horen die Rede. Auch Irlands bedeutender Beitrag zur Weltliteratur wird nicht erneut beschworen. So findet sich in dem Heft nichts über Wilde, Shaw, Yeats, O'Casey,
Behan, O'Brien oder Beckett: Die Kenntnis der Bedeutung dieser Autoren setzen die Herausgeber voraus, denen es darauf ankam, "jüngere Talente, in der Bundesrepublik unbekannte Namen und neuere Tendenzen vorzustellen“.

      Gleichwohl stehen die neuen Namen, die uns hier begegnen, überwiegend in der Tradition dieser großen Poeten, sie zeichnen sich allesamt durch ein leidenschaftliches Verhältnis zur Sprache, zu Klangfarben, Rhythmus und drastischer Anschaulichkeit aus - Eigenarten, die auch in den Übersetzungen durchscheinen.

      Die Vielfalt ist nach Themenkreisen gegliedert: Mythos und Geschichte, sterbende Sprache - lebendige Literatur, Emigration und Exil, Kirche und Gesellschaft, Irlands Wunde: Ulster. So wird im Spiegel der Literatur irische Gegenwart aufgezeigt. Und die Menschen dieses Atlantis, die wir dem Klischee zufolge wegen ihrer
Skurrilität, ihrem Hang zum Alkohol und ihrer Frömmigkeit lieben, zeigen sich als "unvollkommene Engel", als Zeitgenossen, die von psychedelischen Träumen und Computern eingeholt wurden, als das
Land kaum überall mit Elektrizität versorgt war und die sich nur schwer vom Diktat eines engstirnigen Klerus lösen können. Ein Heft, das mehr über Irland heute sagt als Anthologien und literarische Reiseführer.

(Ivo Frenzel, Süddeutsche Zeitung, 12./13. November 1988)

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