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Schamlos wie ein Liebesbrief

Der Übersetzer Hans-Christian Oeser liest im Heine-Haus aus Mart Twains Autobiographie

Er war Schriftsetzer, schrieb Reisereportagen, arbeitete auf dem Mississippi als Steuermann, wurde bei den Freimaurern aufgenommen, ging zu den Goldgräbern, wechselte zur Zeitung, und so zieht sich das Leben des Samuel Langhorne Clemens kunterbunt weiter. Als Mark Twain, wie er sich ab 1863 nannte, stieg der Junge aus armem Haus zum Weltstar auf, er bereiste Europa, dinierte mit Kaiser Wilhelm II. und rauchte am Tag 40 Zigarren. Twain (1835-1910) besaß ein großes Mitteilungsbedürfnis und eine gewaltige Mitteilungskraft. Das machte im Heine-Haus Übersetzer Hans-Christian Oeser deutlich bei einer Lesung aus Twains ,,Meine geheime Autobiographie“.

      Drei Aktenmeter, 500 000 Wörter umfasst diese in die Feder diktierte ,,geheime Autobiographie“. Geheim, weil Twain verfügte, dass sie nicht zu Lebzeiten erscheinen durfte. Er wollte frei schreiben können, schamlos wie bei einem Liebesbrief, ohne Rücksicht auf Lebende. Hundert Jahre nach seinem Tod landet Twain so noch einmal einen großen Erfolg. So ganz klappte es zwar nicht mit dem Geheimhalten, Twain selbst ließ einen Teil als Vorabdruck zu. Aber es ist schon ein großes Stück Literatur zu entdecken, in dem Twain die Gerüche und Geräusche der Kindheit spürbar werden lässt, die Gefühle beim Tod seiner Lieblingstochter und Gedanken zum Zeitgeschehen, die ihn zu sarkastisch zugespitzten, skeptischen Texten führen. So nimmt er Bezug auf eine patriotisch gefeierte ,,Schlacht“ auf den Philippinen, bei der 600 top ausgerüstete Amerikaner 600 in einem Kessel hockende, mit Steinen bewaffnete „Wilde“ – Männer, Frauen, Kinder – töteten. Von uniformierten Meuchelmördern schreibt Twain, von christlichen Schlächtern.

      Auf der anderen Seite steht der Humorist. Twain-Übersetzer Oeser, der auch spannend vortragen kann, lässt den Autor über die Versuche plaudern, seiner Frau zuliebe aufs Fluchen zu verzichten. Und er liest die Satire Twains auf die deutsche Sprache, über deren Komposita sich der Amerikaner amüsiert. Das: mündet bei Twain in einen Begriff, der Oeser geschmeidig von den Lippen ging, der aber laut und langsam gelesen sein will: ,Hottentottenstottertrottelmutter-attentäterlattengitterwetterkotterbeutelrattenfangprämie“.

      Frank Ebeling und Stefan Tretow von den Blues Boats begleiteten die Lesung dezent mit Gitarre, Cajon und Mundharmonika. Mit dem Literaturbüro veranstaltete der studentische Verein KulturRausch die atmosphärisch liebevoll vorbereitete, inhaltlich reiche Lesung. Twain lesen lohnt, es kann ja auch noch mal ,,Tom Sawyer“ sein.

 

(oc, Landeszeitung Lüneburg, 8./9. Dezember 2012)

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