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Hans-Christian Oeser (Hrsg.): Contemporary Irish Short Stories. Stuttgart (Reclam) 1989. Bibliographisch ergänzte Ausgabe: 2002. Aktualisierte und bibliographisch ergänzte Ausgabe: 2007.

 

Diese Kurzgeschichten wurden mir von meiner Kollegin mitgebracht, die meinen Wunsch, ein Buch in Englisch zu lesen, unterstützen wollte. Es ist eine Ausgabe für den Unterricht mit Fußnoten, in denen einige Begriffe, Abkürzungen und Redewendungen übersetzt und erläutert wurden. Außerdem wurden in einer umfangreichen Einleitung in Deutsch die Merkmale einer Kurzgeschichte im Allgemeinen und besonders der irischen Kurzgeschichte erläutert und Hintergrundinformationen zur Historie geliefert.

      Vordergründig bin ich stolz, das kleine Büchlein gelesen und vor allem auch verstanden zu haben. Trotzdem ist es noch ein sehr weiter Weg zum Lesen in Englisch, vor allem, wenn die Erläuterungen fehlen und die Sprache mit unzähligen in der Alltagssprache nicht benutzten Wörtern gespickt ist.

      Aber diese acht Geschichten waren nicht nur Mittel zum Zweck, sie zeichneten ein farbiges Bild Irlands in den Sechziger- bis Achtziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts. (Bei dem Begriff „zeitgenössisch“ ist zu bedenken, dass das Buch 1989 herausgeben wurde). Ich war noch nie in Irland, wusste aus den Nachrichten aus jener Zeit ein wenig über die IRA, die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten und die zahlreichen Bombenanschläge. Einige Zusammenhänge waren auch der „Ulysses-Lektüre“ im letzten Jahr zu entnehmen und vor allem dem Buch „Die Asche meiner Mutter“ von Frank McCourt. Die kurzen Geschichten in diesem Buch runden das Bild gelungen ab, es ist von Nationalstolz die Rede, von Armut, dem trostlosen Leben auf dem Land, vom schiefen Blick auf alle Engländer und Amerikaner, von den Auswüchsen des irischen Katholizismus. Am besten gefiel mir die Geschichte „Prisoner Of The Republic“, eine bissige Satire über das irische Staatswesen am Tag nach dem Scheidungsreferendum 1986. Aber alle anderen Geschichten waren ebenso lesenswert und sind nicht nur für Leser zu empfehlen, die Englisch lernen wollen.

 

(Babette Ernst: goodreads.com, 17. Februar 20201)

Diese Sammlung an irischen Kurzgeschichten ist schon ein wenig betagt, so dass das ‘Contemporary’ im Titel nicht mehr so ganz zutreffend erscheint. Trotzdem ist es zumindest eine gute Ressource, wenn man sich in den Kanon der damaligen irischen Kurzprosa einarbeiten möchte. Dazu wird die Sammlung zunächst von einem kleinen Beitrag zur irischen Literatur im Allgemeinen eingeleitet, gefolgt von einer schulgemäßen Definition der Kurzgeschichte – die ja außerhalb der Schule nicht unbedingt auf die meisten Kurzgeschichten zutreffen muss – und einer gesonderten Betrachtung der irischen Kurzgeschichte – wobei hier eine Definition des Irischseins herangezogen wird, in der sich auch Ende der 80er Jahre vielleicht nicht unbedingt die Mehrheit der Iren wiedergefunden hätte. Wenn sie eventuell aber der Definition an sich – ausschließlich ihrer selbst und aller Iren, die sie persönlich kennen – zugestimmt hätte, wie es das irische Drama 'The Playboy of the Western World' nahelegt.

      Die Sammlung selbst beinhaltet Brian Friels ‚The Illusionists‘, Maeve Kellys ‚Journey Home‘, John McGaherns ‚High Ground‘, John Montagues ‚ An Occasion of Sin‘, Seán Mac Mathúnas ‘Prisoner of the Republic, Ita Dalys ‘The Lady with the Red Shoes’, Dermot Healys ‘The Curse’ und Anne Devlins ‘Five Notes after a Visit.’ Eine Auswahl, die selbst im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts beinahe vollständig von mindestens einem anderen Verlag für eine zeitgenössische Sammlung übernommen worden ist.

      All diese Geschichten sind überaus düster und vergleichsweise humorarm, was ich durchaus nicht mit meiner eigenen Leseerfahrung irischer Literatur verbinde. Bei aller eigener Düsternis ist zum Beispiel Roddy Doyle doch durchaus sehr humorvoll, und auch andere irische Autorinnen und Autoren lassen einen gerne mal mit einem Lächeln am Ende einer Geschichte zurück.

      Also eine ganz gute Ressource, mit Vokabelhilfen und Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren am Ende, sowie Veröffentlichungshinweisen zu den Geschichten. Es sollte nur nicht die einzige Ressource sein, wenn man irische Literatur wirklich kennenlernen möchte.

 

(K.-G. Beck-Ewe: BücherTreff.de, 11. März 2020)

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