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Roland Stöß

 

Oeser gewinnt mit einem Schuss Humor

 

CALW. Der 57. Stipendiat der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung heißt Hans-Christian Oeser. Hausherr Stephan Scholl, Vorstandsvorsit-zender der Sparkasse Pforzheim Calw, begrüßte den Vorsitzenden des Kuratoriums der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung als Ehrengast: Friedrich Herzog von Württemberg. 

    Der Vertreter der Stadt Calw, Hans-Martin Dittus, lud den gebürtigen Wiesbadener Oeser ein, die historischen, von Hesse beschriebenen Wege zu gehen. Er könne so den Menschen begegnen und mit ihnen in Kontakt treten.

    Das Mitglied der Findungskommission, Tobias Scheffel, begründete, wieso Oeser die Jury überzeugte. Dessen Werk als Übersetzer, Autor und Herausgeber sei inzwischen sehr umfangreich und vielseitig. Er hat mehrere Bücher über Irland und Dublin, sowie Biografien über Oscar Wilde und James Joyce geschrieben sowie mehrere Anthologien herausgegeben. Wichtig auch, dass die Übersetzung von Literatur und Lyrik umgekehrt, also von Deutschland in das Ausland, ausstrahlen kann. Mit der Folge, dass dort deutsche Literatur Aufmerksamkeit findet.

 

 

 

 

Geschliffene Ausdrucksweise

Scheffel trat dann in den Dialog mit Oeser. Dadurch wurde dem zahlreich erschienenen Publikum die Möglichkeit eröffnet, sich auf den in Irland und Berlin lebenden Schaffenden einzulassen. Mit einer geschliffenen Ausdrucksweise, einer wohltuenden Stimme und einem Schuss Humor konnte Oeser rasch die Menschen für sich gewinnen.

Calw, und das nimmt man ihm gerne ab, hat er bereits als sehr schöne Stadt kennengelernt. Er hat mit seiner historisch berühmten Wohnstätte "beim Pit Schaber" eine Gastlichkeit sondergleichen gefunden.

       Es wurde deutlich, wie wertvoll das Tun des Übersetzers ist. Und wie schwierig. Es komme schon einmal vor, dass er zuerst vor dem Werk des Autors sitzt und ratlos ist. Aufgrund der verschiedenen Satzstellungen und Grammatikstile in den Landessprachen ist es wichtig, den wahren Kern und das Ansinnen des Autors zu erfassen und diesen dann in die andere Sprache zu übertragen.

      Oeser lässt wissen, dass er an ein Lyrikstück mit einem Schuss Naivität herangeht. Nur so kann er sich dem Stück nähern. Ohne dieses Sich-Einlassen kann Lyrik nicht übersetzt werden.

Zeitdruck und ständige Hetze

Oeser beleuchtete die Schattenseiten der Gegenwart, vor der auch die Übersetzungskunst nicht verschont geblieben ist. Zeitdruck und ständige Hetze. Man erwartet fast, pointiert er die Szenerie, dass ein Stück, wenn es noch gar nicht zu Ende geschrieben ist, schon übersetzt auf den Markt kommt.

      Zum Schluss brachte er Hermann Hesse ins Gespräch. Als Oeser von seiner Einladung nach Calw erfuhr, hat er "Unterm Rad", "Demian" und den "Camenzind" hervorgeholt.

     Er müsse "furchtbar jung" gewesen sein, als er diese frühen Werke Hesses gelesen hatte. Vieles war ihm nicht mehr präsent. Dann die Feststellung: "Ganz langsam dämmerte mir etwas und vieles tauchte wieder auf."

    Das Publikum geizte am Ende nicht mit herzlichem Beifall; der neue Hesse-Stipendiat bedankte sich mit einem humorigen Schlusspunkt. Mit Robert Gernhardts Zeilen hatte er die Lacher auf seiner Seite: "Kafka sprach zu Rudolf Steiner: ›Von euch Jungs versteht mich keiner‹! Darauf sagte Steiner: ›Franz, ich versteh dich voll und ganz!‹ Steiner sprach zu Hermann Hesse: ›Nenn mir sieben Alpenpässe!‹ Darauf sagte Hesse: ›Steiner, sag mal, reicht denn nicht auch einer?‹

 

(Schwarzwälder Bote, 11. Oktober 2017)

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