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Adrienne Braun

 

Tut Deutsch den Lippen weh?

 

Der Übersetzer Hans-Christian Oeser ist Stipendiat im Schriftstellerhaus

 

 

Die Situation erscheint abwegig. Hans-Christian Oeser ist Deutscher, lebt in Dublin und arbeitet dort als literarischer Übersetzer. Deutsch spricht er in Irland so gut wie überhaupt nicht, sein Sohn weigerte sich bereits mit sechs Jahren, mit dem Vater deutsch zu sprechen; mit der Begründung: „It hurts my lips“, die Lippen würden ihm dabei weh tun. Wie behält man aber die Sprache im Ohr, wie kann man zeitgenössische Texte übersetzen, wenn man den aktuellen Wortschatz kaum kennt? „TatsächIich, die rasante Entwicklung der Sprache geht an mir vorüber“, sagt Oeser. Dafür habe er wiederum den Vorteil, daß ihm die Ausgangssprache der Texte, das Englische also, das er ins Deutsche überträgt, besonders vertraut ist.

      In jedem Fall ist es für ihn „wichtg, nun wieder eine längere Zeit am Stück in Deutschland zu sein“. Für drei Monate ist Oeser Stipendiat der Stadt Stuttgart im Schriftstellerhaus. Stuttgart hat für den geborenen Hessen eine besondere Bedeutung. Hier begann seine Übersetzerkarrierre. Den ersten Auftrag bekam er von Reclam. Dabei hatte sich Oeser zunächst für den Lehrerberuf entschieden; nach dem Referendariat in Berlin erkannte er allerdings, dass das Lehrerdasein seine Sache nicht ist. Für ein Jahr ging er nach England, war Sprachassistent und hat gesehen: „Es gibt ein Leben außerhalb von Berlin. So siedelt er kurzerhand nach Dublin um, heiratete dort eine Engländerin und wurde Lektor an der Universität Dublin. Und dann plötzlich „gab es eine andere Weichenstellung“, meint Oeser. Er sagte der Universität ade und wurde literarischer Übersetzer.

   Inzwischen hat Oeser eine lange Liste an Übersetzungen vorzuweisen. Er hat sich auf irische Literatur spezialisiert, hat auch schon manchen Autor in Deutschland bekannt gemacht, von dem man wohl nie gehört hätte, wenn er sie nicht den hiesigen Verlagen schmackhaft gemacht hätte. Meist sind es Romane, die er übersetzt, wobei er gerne mehr Lyrik übertragen würde. „Aber an zehn Gedichten arbeite ich so lange wie an ich weiß nicht wie vielen Seiten Prosa“, sagt er.

    Vor einigen Jahren hat Oeser einmal den umgekehrten Weg versucht und wollte ein Buch über Kindererziehung aus dem Deutschen ins Englische übersetzen. Obwohl seine Frau als Muttersprachlerin mitgearbeitet hat, lehnten englische Verlage das Buch ab. Der Ton der Übersetzung sei zu männlich, sagte man ihm. „Wahrscheinlich meinten sie, daß es einfach nicht klingt“, sagt Oeser.

Im Schriftstellerhaus will er nun einen Roman von Patrick McCabe übersetzen. Allerdings hat sich nach einigen Wochen Stuttgart bei ihm so etwas wie eine Sinnkrise eingestellt. „In Deutschland gibt es inzwischen soviel Englisch, daß ich mich frage, warum ich überhaupt noch übersetze.“

 

(Stuttgarter Zeitung, 12. August1996)

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