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Bernhard Robben


Aus der Täterkartei: Hans-Christian Oeser

 


Hans-Christian Oeser sitzt neben mir unter dem Dach eines Dominikanerklosters in der Nähe von Köln. Ein kräftiger Wind rüttelt an den schrägen Fenstern, durch die winterliches Zwielicht in den großen holzverkleideten Raum fällt. Der British Council hat einige englische Autoren nach Deutschland geladen, die vor ausgewähltem Publikum Vorträge über Literatur halten. Christian hört aufmerksam zu, schreibt, schlägt die Beine übereinander, wippt mit schwarzen Slippern, und sein von ergrauendem Haar gesäumter Schädel beugt sich ernst über ein handgroßes, in Unterwasserfarben eingeschlagenes Notizbuch. Ich kann nicht lesen, was er schreibt, doch kann ich erkennen, daß auf der linken Seite die Einträge quer über die Seite laufen, während sie sich rechts folgsam an die Zeilen halten. Ich überlege noch, welch kluge Anmerkungen wohl Eintrag in sein Notizbuch verdienen, als mir unsere erste Begegnung einfällt.

Sie liegt ein gutes Dutzend Jahre zurück. Damals hatte die Zeitschrift die horen beschlossen, dem Thema Irland ein Heft zu widmen und Christian (gemeinsam mit Barbara Freitag) die Verantwortung dafür zu überlassen. Ich selbst sollte über nordirische Lyrik schreiben, und da ich mich gerade in Dublin aufhielt, verabredete ich mich mit dem Herausgeber in der Mensa der Universität, um meinen Beitrag mit ihm zu besprechen. Er ließ mich reden. Und wenn die Begeisterung für Seamus Heaney oder Michael Longley mit mir durchging, verschwanden die wachen Augen hinter dünner Stahlbrille in einem Lachfaltenkranz. Seit 1980 lebt Christian in Dublin. Geboren ist er 1950 in Wiesbaden, hat Germanistik. Politologie, Philosophie und Pädagogik in Marburg und Berlin studiert, war Sprachassistent in Peterborough, Cambridge, und Studienreferendar in Berlin gewesen. Anfangs arbeitete er in Dublin als Lektor für deutsche Sprache, Literatur und Landeskunde am University College, später dann als Senior Tutor in German. Bei dünnem Mensakaffee und Brownies dauerte es nicht lange, bis wir feststellten, daß wir beide zur gleichen Zeit an der Freien Universität studiert und uns dort zwar nicht getroffen, aber derselben schönen Frau nachgeschaut hatten. So etwas verbindet selbst Jahre später.

Von nun an sollten sich unsere Wege regelmäßig, wenn auch stets eher zufällig kreuzen. Christian hatte sich längst einen Namen gemacht und sich neben seiner Lektorentätigkeit als Autor, Übersetzer und Herausgeber hervorgetan. Als ich 1989 die Übersetzung von Christopher Nolans Under the Eye of the Clock aus zeitlichen Gründen ablehnen mußte, fiel mir niemand ein, der besser als Christian geeignet gewesen wäre, die komplexe Prosa dieses in Irland lebenden Autors zu übersetzen. Hinterher gestand er mir dann, daß ihm gerade dieses Buch geholfen habe, als Übersetzer zu den größeren literarischen Verlagen Zugang zu erhalten. Von da an jedenfalls liest sich die Liste seiner übersetzten Werke wie ein Who is Who der irischen Gegenwartsliteratur: Bernard Mac Laverty, Brendan Behan, Jennifer Johnston, John Montague, Patrick McCabe, Eoin McNamee, John McGahern, Paul Muldoon sind nur einige Namen, die ins Auge fallen. Das Arbeitspensum dieses Mannes mutet schier unglaublich an. Mit 40 übersetzten Büchern in kaum zehn Jahren hätte jeder Durchschnittsübersetzer kaum mehr eine freie Minute gehabt, doch im selben Zeitraum schrieb Christian noch fünf Reiseführer über Irland und Dublin (teilweise als Co-Autor), verantwortete acht Bücher als Herausgeber und arbeitete als Sekretär des irischen Üersetzerverbandes ITA, als Herausgeber des Verbandsblatts Translation Ireland, als Vorstandsmitglied von Ireland Literature Exchange sowie als Mitglied der irischen Jury für den Übersetzerpreis ARISTEION, fü jenen Preis also, den er selbst 1997 für seine Übersetzung von Patrick McCabes The Butcher Boy erhalten hatte.

Als ich sah, daß sich der Titel von Patrick McCabes Roman The Dead School beim Hinübertragen in die deutsche Sprache in nachstehende balladeske Wortfolge verwandelt hatte: Von Hochzeit, Tod und Leben des Schulmeisters Raphael Bell und wie dem Affengesicht Malachy Dudgeon die Liebe abhanden kommt, fragte ich Christian, ob die Musik eine große Rolle in seinem Leben spiele. Die Antwort hat mich nicht überrascht. Seine Mutter war Konzertsängerin, sein Vater Musikherausgeber. Er selbst, sagte er, hätte liebend gern Musik studiert, aber die unausbleibliche Rebellion gegen die väterliche Autorität habe ihn zur Literatur verführt. Diese Geburt aus der Revolte merkt man seinem Schreiben auch heute noch oft an, wenn er etwa wieder einen Leserbrief für die Irish Times verfaßt und auf Gott und die Welt oder den Kosovo-Krieg schimpft.

Keine Frage, ein vielbeschäftigter homme de lettres. Wen wundert es also, daß sich meine Neugier nicht länger zügeln läßt. Ich beuge mich vor und starre ganz unverhohlen auf die Seiten des unterwasserfarbenen Notizbuches. Die linken, schräg über alle Zeilen laufenden Einträge sind aus dem Zusammenhang gefischte, selten gebrauchte Wörter, doch rechts reiht sich, ordentlich dem Zeilenverlauf folgend, ein frivoler Limerick ein und wartet, während Christian nachdenklich aus dem schrägen Dachfenster schaut, auf das letzte Wort.

(irland journal, 11. Jg., 2000, H. 2, S. 66)

Bernhard Robben

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