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Adrienne Braun

Zwischen Kneipen, Knast und Kiez

Hans-Christian Oeser stellt seinen "Treffpunkt Irland" vor


          
Er sei ein Atheist bei Tage und ein Katholik bei Nacht, wenn er sich fürchte, sagte er. Sein Motto laute ,,Streit ist besser als  Einsamkeit“, getreu einem irischen Sprichwort. Brendan Behan war der Name des irischen Autors, der zwischen Kneipen, Knast und Kiez, beflügelt vom Guinness-Bier, Theaterstücke schrieb. In einem äußerst unterhaltsamen Porträt hat ‘Hans-Christian Oeser das Leben Behans skizziert. Er beschreibt dessen "Suizid auf Raten", denn der Dichter war dem Alkohol mehr noch als der Literatur zugetan. "Treffpunkt Irland" nennt sich der literarische Reiseführer, den der Autor und Übersetzer Oeser nun im Schriftstellerhaus vorgestellt hat. Oeser, der inzwischen in Dublin lebt und arbeitet, ist derzeit Stipendiat im Schriftstellerhaus.

      85 irische Autoren portätiert Oeser in seinem Buch; das beweist, dass lrland mehr Literaten hervorgebracht hat aIs die landläufig bekannten Autoren Joyce, Shaw oder Beckett. Oeser nimmt die Landschaft als Ausgangspunkt, wählt Orte oder Gebäude und erzählt deren literarischen Hintergrund. Im 18. Jahrhundert lebte der Deutsche Rudolf Erich Raspe hier und schrieb die legendäre Urfassung des "Münchhausen". Oder Oeser erinnert an Patrick Pearse. einen Pädagogen und Poeten des letzten Jahrhunderts, der mit missionarischem Eifer gegen das englische Bildungsmodell Front machte und sich dafür aussprach, individuelles Talent und Charakter zu fördern. Seine Literatur aber, so Oeser, habe gälisches Siegespathos und christliches Märtyrertum verbunden, seine mythisch-visionäre Lyrik werde heute nicht nur von Feministinnen, sondern auch von Liberalen verurteilt wegen seines Glaubens an die kulturelle Überlegenheit des Gälischen.

    Oeser beweist im "Treffpunkt Irland" profunde Kenntnis der irischen Literatur, was nicht überrascht, ist er doch einer der namhaftesten Übersetzer aus dem irischen Englisch ins Deutsche. So ist sein Reiseführer, erschienen im Reclam Verlag, nicht nur ein lehrreicher Wegbegleiter für Touristen, sondern auch ein kompetentes Werk für Literaturliebhaber.

(Stuttgarter Zeitung, 10. September 1996)

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