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Maeve Brennan: Die Besucherin. Novelle. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser. Göttingen: Steidl, 2003.

 

Übersetzer Hans-Christian Oeser hebt im Nachwort die Bedeutung dieses exzellent geschriebenen "Charakterporträts" hervor, das "den Vergleich mit James Joyces 'Dubliner' nicht zu scheuen braucht".

(Annerose Kirchner, Ostthüringer Zeitung, 8. November 2003)



Dublin, vierziger Jahre. Es ist Winter, schwärzester Winter, der Regen prasselt pausenlos auf die Dächer der Stadt, die Menge auf der Straße schiebt sich gleichgültig dahin, die Schaufenster leuchten traurig in die Nacht. Eine junge Frau sitzt im Taxi, auf dem Weg vom Bahnhof zum Haus ihrer Kindheit, wo nur noch die Großmutter lebt. Sie weiß jetzt schon, daß alles umsonst ist. Es hat keinen Sinn, nach dem Tod ihrer Mutter, mit der sie die letzten Jahre in Paris gelebt hat, nach Dublin zurückzukehren. Es hat keinen Sinn, zu hoffen, daß diese Stadt sie wieder aufnehmen wird. Es hat keinen Sinn, auf die Liebe der Großmutter zu zählen, die sie noch nie geliebt hat. Das alles ist vollkommen zwecklos, aber sie muß es trotzdem versuchen.

      So beginnt Maeve Brennans Novelle 'Die Besucherin', ein wunderbares, unendlich trauriges Buch, dessen größter Zauber darin besteht, daß es den Leser nicht traurig macht, sondern hoffnungsfroh. Und zugleich ist da seine unwirklich schöne Sprache, die einen von der ersten Zeile an hypnotisiert - weich, klar, prägnant; poetisch, ohne zu viel bedeuten zu wollen; ruhig, aber auch mitreißend; jeder Satz ein Juwel, dessen Strahlen nicht blenden, sondern die Menschen, Gedanken und Dinge des Buchs leuchten läßt und so zum Leben erweckt. Nur wer wirklich schreiben kann, kann wirklich etwas erzählen. Und nur wer - wie Maeve Brennan - etwas zu erzählen weiß, hat einen so guten Stil.

      Anastasia, die junge Frau im Taxi, ist schuld am Tod ihres Vaters. So sieht es die Großmutter, und sie gibt der Enkelin gleich an der Tür zu verstehen, daß sie Anastasia für die Mörderin des vergötterten Sohns hält. Sie ist es ja auch irgendwie: Als Anastasias Mutter den Vater sitzenließ und nach Paris verschwand, folgte ihr Anastasia. Als der Vater Anastasia hinterherfuhr und sie bat, nach Dublin zurückzukehren, sagte sie nein, was ihn zuerst um den Verstand brachte, dann ums Leben. Natürlich versucht Anastasia der Großmutter zu erklären, daß sie sich um die verwirrte Mutter kümmern mußte, damit die nicht zugrunde geht. Aber sie kommt gegen deren widerlichen, tyrannischen Vorwurf sowenig an wie gegen einen ungerechten, tödlichen Richterspruch. Trotzdem will sie bleiben, sie will nie mehr weg aus diesem deprimierenden, gemütlichen, dunklen Haus im bürgerlichen Vorort Ranelagh. Hier ist sie zu Hause, und zu Hause ist schließlich immer dort, wo die Erinnerungen wohnen und die Vorwürfe.

      Was für ein stiller, bedrückender Irrsinn: Anastasia und die Großmutter belauern sich monatelang. Sie streiten sich, versöhnen sich, sie beten zusammen, sie verfluchen sich gegenseitig. Manchmal sitzen sie, erschöpft vom Kampf, im Wohnzimmer und trinken gemeinsam Tee am brennenden Kamin. Der Kamin macht ihre Herzen warm und hell, und plötzlich sind sie sich ganz nah. Aber irgendwann geht das Feuer im Kamin wieder aus, und ihre Herzen erkalten sofort, und die Großmutter sagt: 'Ich bete zu Gott, und das jeden Tag meines Lebens, daß du fortgehst und mich hier allein läßt.' Und Anastasia schreit: 'Schande über dich! Schande über dich!' Und die Großmutter sagt: 'Darauf können wir verzichten, Anastasia.' Und Anastasia fleht: 'Grandma, Grandma, ich bin die einzige, die du hast. Ich will nicht fort.'

      Schaut man das berühmte Foto an, das Maeve Brennan ungefähr zu der Zeit zeigt, als sie 'Die Besucherin' schrieb (unsere Abbildung), sieht man eine kluge, junge, traurige Frau, die in einem schönen, altmodischen Wohnzimmer an einem warmen und hellen Kamin sitzt und wissend in die Kamera blickt. Doch da draußen ist nicht Anastasias trostloses Dublin. Da draußen ist Manhattan, da ist das Village, der Times Square. Da draußen ist die lebendigste Stadt der Welt mit den lebendigsten Menschen der Welt, und die kluge, junge, traurige Frau ist Kolumnistin des 'New Yorker'. Sie schreibt regelmäßig Feuilletons über die Barmänner, Bohemiens und Blondinen Manhattans. Sie hat schon seit Jahren kein wirkliches Zuhause, sie zieht von Hotel zu Hotel, und man sieht sie in Restaurants und Bars meist allein dasitzen, ein Buch in der Hand, einen Martini vor sich, den Blick durchs regennasse, schimmernde Fenster auf die Straße gerichtet, genauso sehnsüchtig wie ein Matrose, der nach Wochen auf See erstmals im Fernglas Land erblickt.

      Maeve Brennan war Irin. Sie wurde an einem Tag im Jahr 1916 geboren, als ihr Vater, ein berühmter Nationalist, im englischen Gefängnis auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartete. Später wurde er begnadigt, noch später wurde er der erste irische Botschafter in Amerika, und als er und die Familie wieder nach Irland zurückgingen, beschloß die siebzehnjährige Maeve, allein in New York zu bleiben. Sie hatte keine Lust auf die ewige irische Agonie, und sie fand, Manhattan sei der beste Ort, ihr für immer zu entkommen.

      Sie hat sich getäuscht. Manhattan war nur ein Film, in dem sie jahrzehntelang staunend saß, und ihre 'New Yorker'-Feuilletons waren die Kritiken, die sie über diesen Film schrieb. Ihre Realität, ihr Zuhause blieb aber Irland, es blieb der Ort ihrer Sehnsucht und wurde darum der Ort ihrer Literatur. Alle ihre Erzählungen spielen in Irland, unter traurigen, ernsten, verzweifelten Kindern und Greisen, Männern und Frauen. Es sind bedrückende und zugleich verzweifelt schöne Geschichten, und vielleicht wird man deshalb den Verdacht nicht los, daß die irische Depression so schlimm gar nicht sein kann, wie Maeve Brennan sie beschreibt - und daß es ihre dunkle Emigrantenstimmung war, die ihr diese schweren Worte und Bilder diktierte.

      Natürlich ist Maeve Brennan - irgendwie - Anastasia. Denn auch sie ist allein und entwurzelt, und auch sie hat die Sehnsucht nach einem Zuhause, das aufgehört hat zu existieren. Das Haus ihrer Großmutter, in dem sie aufwuchs, ist nicht mehr ihr Haus, weil die Großmutter das aus Wut und Rachsucht so beschlossen hat, und dagegen kommt Anastasia einfach nicht an. Nach ein paar Monaten gibt sie den Kampf auf, sie nimmt ihre Sachen und geht ins Hotel, und eigentlich will sie zurück nach Paris. Aber plötzlich steht sie wieder vor dem Haus in Ranelagh, es ist immer noch Winter, aber ihr ist nicht kalt. Sie nimmt den Hut ab und legt ihn auf den eisigen, schwarzen Boden, sie stellt ihre Handtasche daneben, sie zieht ihre Schuhe und Strümpfe aus, und nun steht sie barfuß da und singt irgendein Lied, das sie in der Schule gelernt hat, und plötzlich taucht die Großmutter im Fenster auf und winkt noch einmal zum Abschied, und dann ist alles vorbei, vorbei.

      Was denkt man, was fühlt man, wenn dieses Buch zu Ende ist? Zuerst: Ein Glück, daß die Novelle, die sie als ganz junge Frau schrieb, nicht für immer im Archiv der University of Notredame verschollen ist, wo sie ihr Lektor vor ein paar Jahren zufällig fand. Dann denkt man: Es ist nicht allein die Poesie, die Sprache, die unendlich lässige handwerkliche Souveränität, was 'Die Besucherin' so besonders macht. Besonders ist ihre Haltung als Mensch, die sie als Erzählerin nie verrät, die ihr hilft, das Leben zu erzählen, wie es wirklich ist: durcheinander, ungerecht, schön. Darum ist jeder in diesem Buch ein bißchen ein Scheusal, aber zugleich auch eine Seele, die nur glücklich sein will. Die Taten, will uns Maeve Brennan damit bedeuten, die die Menschen begehen, sind oft grausam und schrecklich, aber nicht die Menschen selbst. Genau das macht dieses dunkle Meisterwerk zu einem so optimistischen, beglückenden Buch.

      Die letzten Jahre verbrachte Maeve Brennan - als sie nicht mehr schreiben konnte und unter Schüben von Schizophrenie litt - in einer Abstellkammer in den Damenwaschräumen des 'New Yorker'. Ja, wirklich, das stimmt, und es paßt natürlich sehr gut zu ihrem ganzen verzweifelten, heimatlosen Leben. Ähnlich passend ist dann auch die Schlußpointe dieses Lebens gewesen, die sie selbst setzte. Nach ihrem Tod 1993 stieß William Maxwell, der große Literaturredakteur des 'New Yorker', auf einen Brief, den sie Jahre vorher in seinem Namen an einen Leser geschrieben hatte, der neue Brennan-Stories verlangte. Damit könne man leider nicht dienen, antwortete sie, denn die Autorin habe sich gerade erschossen, von hinten, mit Hilfe eines Taschenspiegels, am Fuß des Hauptaltars der St. Patrick's Cathedral. Und so schloß sie dann ihr eigenes Epitaph: 'Wir werden nie genau wissen, warum sie tat, was sie tat, aber wir glauben, weil sie betrunken und todunglücklich war. Sie war ein sehr feiner Mensch, ein sehr echter Mensch, sie hatte zwei Beine, Hände, eben alles.' Ja, und für mich war sie eine der größten Schriftstellerinnen des letzten Jahrhunderts.


(Maxim Biller, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Dezember 2003)

 


"Die Besucherin", Mitte der vierziger Jahre verfasst, wurde als frühester bekannter Text der 1917 geborenen Journalistin und Erzählerin Maeve Brennan erst kürzlich wiederentdeckt. Als sie den Text verfasste, konnte die Schriftstellerin nicht ahnen, was auch der Leser erst im Nachwort des versierten Übersetzers Hans-Christian Oeser erfährt: dass sie in der elenden Schlussvignette der Novelle schon die Unbehaustheit und Umnachtung ihrer eigenen letzten Lebensjahre skizziert hatte.


(as, Neue Zürcher Zeitung, 10. Februar 2004)



Die Übertragung stammt von Hans-Christian Oeser, der auch für das kurze und informative Nachwort zeichnet. Diese kleine feine Erzählung ist große Literatur.


(Volker Fritz, buchkritik.at, 15. Dezember 2006)

 

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