interviews

Man spricht Deutsch hinter dem Regenbogen

Im Gespräch mit Übersetzer Hans-Christian Oeser


L. Frank Baums Der Zauberer von Oz war das erste Buch, das der eskapistischen Literatur Amerikas ein eigenes Selbstbewusstsein verschaffte und sich von den viktorianischen Kinderbüchern und den kontinentalen Hausmärchen der Gebrüder Grimm löste. Auf Deutsch erschien Der Zauberer von Oz erstmals 1964. Im Osten gab es ihn zunächst nur als Der Zauberer aus Smaragdenstadt - eine Übertragung der "Übersetzung" ins Russische, bei der Alexander Wolkow den Roman quasi neu schrieb. Es dauerte bis 1988, ehe man auch im Osten eine ordentliche Übersetzung des Originals lesen konnte (die Smaragdenstadt-Bände sind heute dennoch Kult). Dieser Tage erschien (neben der Neu-Übersetzung weiterer Jugendbuchlassiker) bei Insel eine weitere, bewusst werkgetreue Neuübersetzung von Hans-Christian Oeser. Wir sprachen mit dem 1950 in Wiesbaden geborenen, heute in Dublin lebenden Übersetzer.

Hallo, Herr Oeser. Wie nähert man sich einem Klassiker wie dem Zauberer von Oz für eine Neuübersetzung? Baut man auf vorhandenem Material auf, oder bleibt man komplett für sich am Original?

Ich habe mich dem Buch, meiner zweiten Neuübersetzung nach Oscar Wildes Märchen, so genähert wie jedem anderen Buch auch, das heißt ohne Respekt vor seinem "Klassiker"-Status und zugleich dem "Wörtlichkeitsethos" verpflichtet, sofern sich dieses mit den Erfordernissen der deutschen Sprache in Einklang bringen lässt. Zum Vergleich habe ich drei erhältliche Übersetzungen herangezogen (insgesamt scheint es ein gutes Dutzend davon zu geben), und zwar die von Maria Seidemann ("neu erzählt von ..."), Michaela Kolodziejcok ("Gekürzte Ausgabe") und Kirsten Großmann (im Internet). Wo sich herausstellte, dass meine Vorgängerinnen eine glücklichere Wendung gefunden hatten als ich, habe ich bedenkenlos plagiiert, da es unsinnig wäre, zugunsten des Guten auf Besseres zu verzichten. Das "bedenkenlos" ist natürlich eine maßlose Übertreibung, da es sich nicht um allzu viele Textstellen handelt und es häufig ohnehin zu gleichlautenden Lösungen kam.

  Wie schon die Formulierungen "neu erzählt" und "gekürzt" verraten, stößt man auch bei den Eindeutschungen des Zauberers von Oz auf das weit verbreitete Phänomen, dass Kinderbücher gern als "Steinbrüche" angesehen werden, mit denen nach Belieben umgesprungen werden darf, sei es, dass man sie "kindgerechter" machen möchte oder dass man sie "eingemeindet", also für deutschsprachige Kinder einrichtet. Eine solche Herangehensweise führt zu Streichungen (mitunter um ganze Episoden) oder zu Erweiterungen; sie verleitet, je nach Bedarf, zum Straffen oder zum Ausschmücken. Oft wird psychologisiert, weitschweifig erklärt oder - was die "Realien", zumal die geografischen, betrifft - "neutralisiert".

       Das alles lag mir fern; ich habe übersetzt, was da steht, und das heißt stilistisch, dass die sehr einfache und schlichte Sprache Baums, der seine Figuren alles immer nur "sagen" lässt, auch im Deutschen beibehalten wurde. Auch die zahlreichen Wiederholungen habe ich erhalten, statt abzuwandeln. Meine Fassung ist im Vergleich zu den drei genannten eindeutig die textgetreueste - ein Kriterium, das ich normalerweise nicht verwende, weil alle Übersetzungen immer nur Lesarten des Originals nach Maßgabe der interpretatorischen und schöpferischen Fähigkeiten und Eigenheiten des Übersetzers sein können, das jedoch im Kontrast zu den verschiedenen "Nacherzählungen" in diesem Falle Gültigkeit beanspruchen kann. Übrigens gibt es im Internet die Studie Vergleich des literarischen Werkes ›The wonderful wizard of Oz‹ mit den deutschen Übersetzungen von ›Der Zauberer von Oz‹ von Claudia Geistert (nicht gelesen).

Haben Sie als Übersetzer im Hinterkopf gehabt, dass Baum seinen Roman auch als politisches Gleichnis der USA seiner Zeit angelegt hat? Oder sahen Sie es primär als Kinderbuch während der Arbeit?

Mir war bewusst, dass Baum ein gewisses soziales Bewusstsein hatte, das in manche seiner Bücher eingeflossen ist, darunter sicherlich auch dieses (es gab ja auch geharnischten Widerstand gegen diese Art Kinderbuch bis hin zu Bibliotheksverboten). Aber ganz gleich, ob man die Geschichte Dorothys allegorisch oder gar als gesellschaftlichen Schlüsselroman versteht, dem Text selbst haftet davon nichts an, schon gar nicht, wenn er in eine andere Sprachumgebung verpflanzt wird. Wichtig scheint mir aber auch in diesem Zusammenhang, dass er sich selbst entfalten können muss, ohne eigenmächtige Zutaten oder Abstriche und erst recht ohne Zensur durch den Übersetzer. Es handelt sich in der Tat um ein Kinderbuch, mehr noch: meiner Ansicht nach haben wir es mit einem regelrechten Märchen zu tun. Allerdings darf man in dieser Auffassung nicht so weit gehen, dass man alles Nicht-Märchenhafte mir nichts, dir nichts unterschlägt oder einen Märchenton anschlägt, wo im Original keiner vorherrscht.

        Ein Beispiel dafür ist der harte, nüchterne Eingangssatz:
"Dorothy lived in the midst of the great Kansas prairies, with Uncle Henry, who was a farmer, and Aunt Em, who was the farmer's wife." (L. Frank Baum)

      "Es war einmal ein Mädchen, das hieß Dorothy. Dorothy lebte mit ihren Eltern auf einer kleinen Farm mitten in Amerika." (Maria Seidemann)

       Klassischer Märcheneinstieg entgegen dem Original. Die Prärie entfällt, ebenso im nächsten Satz das "Graue" dieser Landschaft und die harte Arbeit. Kansas wird durch Amerika ersetzt, Onkel und Tante durch die Eltern, so daß der Leser nicht darauf kommt, dass Dorothy entweder ein Waisenkind ist oder von den Eltern weggegeben wurde (aus Armut?).

      "Dorothy lebte mit ihrer Tante Emmie und ihrem Onkel Henry in der weiten Landschaft von Kansas." (Kirsten Großmann)

   Der Name der Tante wird verändert, die Prärie durch das unscharfe Wort Landschaft ersetzt. Dass es Bauern sind, wird verschwiegen. "Mit" ist ein Anglizismus.

       "Mitten in der weiten Prärie von Kansas lebte Dorothy mit Tante Em und Onkel Henry, einem Farmer." (Michaela Kolodziejcok)

      Sehr viel präziser. Wobei Farmer für meine Begriffe zu sehr nach großem Landbesitz klingt.

     "Dorothy lebte mitten in den weiten Prärien von Kansas bei Onkel Henry, der Bauer war, und Tante Em, der Bauersfrau." (Hans-Christian Oeser)

Was, denken Sie, ist das Besondere an Baums erstem Oz-Roman? Warum wird er so oft zitiert und auch über 100 Jahre nach seiner Erstauflage noch gelesen und sogar neu übersetzt? Was ist die Faszination dieses Büchleins? Worin liegt seine Stärke, seine Zeitlosigkeit vielleicht?

»Der Zauberer von Oz« weist meines Erachtens trotz »realistischer« Einsprengsel die typischen Merkmale der Märchengattung auf: zeitliche und örtliche Unbestimmtheit frei erfundener Begebenheiten (Ausnahme: die Nennung von Kansas und Omaha); namenlos bleibende archetypische Figuren (Ausnahme: Dorothy, Em, Henry, Toto); wiederkehrende Motivketten; Dreierreihung als episodenbildendes Gliederungsprinzip; die Behandlung von Wünschen und Ängsten; Initiation und Transformation der Heldin; und nicht zuletzt die unerlässliche Dimension des Übernatürlichen, Wunderbaren und Zauberhaften – eine spielerische Aufhebung der Naturgesetze; sprechende Tiere, Vogelscheuchen, Blech- und Porzellanfiguren, rituelle Prüfungen mit Tiergestalten als Helfern; Hexen und ein Zauberer (der freilich als Schwindler entlarvt wird); magische Kräfte; fantastische Verwandlungen usw. Zudem verzichten der Roman ganz im Sinne des Märchens auf psychologische Ausdifferenzierung und beschränkt sich auf eine überschaubare, einsträngige Handlung.

    Deswegen verfehlt die berühmte Verfilmung meiner Überzeugung nach den Roman an einer entscheidende Stelle: nämlich indem sie die gesamte Handlung als bloßen Traum Dorothys ausgibt. Damit geht alles Märchenhafte auf einen Schlag verloren. Es ist der Märchencharakter, der für mich das Faszinierende und das "Zeitlose" dieses Kinderbuches ausmacht. Im Grunde geht es auch bei diesem Buch von "Auszug" und "Rückkehr" um den schrittweisen Erwerb wichtiger Charaktereigenschaften, die der Ich-Stärkung dienen und gerade für Kinder von entscheidender Bedeutung sind: Mut (Löwe), Verstand (Vogelschreck), Herz (Holzfäller) und - was dem Buch eine gewisse Sentimentalität verleiht - "Heimatgefühl" (Dorothy).

      Der berühmte Satz lautet: "Es geht doch nichts über die Heimat." Das ist natürlich eine gefährliche Eindeutschung des Wortes home, das im Englischen viel stärker das eigentliche Haus, Daheim, Zuhause bezeichnet. Stilistisch hatte das bei mir manchmal Formulierungen zur Folge, wie wir sie von den Grimmschen Märchen kennen, etwa die Ersetzung von Relativsätzen durch relativischen Anschluss: "Dorothy schenkten sie einen wunderschönen Armreif, der war über und über mit Diamanten besetzt" oder "Ringsumher waren viele kleine Häuschen verstreut, die waren ganz und gar aus Porzellan und in den leuchtendsten Farben bemalt."

Werden Sie als Übersetzer nach Oz oder wenigstens zu Baum zurückkehren?

 

Der Insel Verlag will offenbar ein Buch von Baum über Santa Claus übersetzen lassen (ich hoffe, von mir ...).

 

Vielen Dank für das Gespräch!

(Christian Endres, fantasyguide. Ihr Internetführer in Sachen Phantastik)

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