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Hahnebampel, Huppjoseph und Hornpipes


Nadine Alexander über Winterwald von Patrick McCabe, aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser

 


Eine kleine Quizfrage zum Einstieg: Ein Mann kommt in ein Dorf und bleibt bis lang nach der „Sperrstunde” in der örtlichen „Schenke”. Hier trifft er auf ein langhaariges Original, das der Besitzer mitleidig als „armen Dummlack” und sich selbst als „gottverdammten Hahnebampel” bezeichnet. Dieser Mensch entpuppt sich schnell als ziemlich ordinär, erfreut sich an einem genussvoll fahrengelassenen „Arschpfeiferl” und kennt sogar den Onkel des Besuchers, der offenbar ein dorfbekannter „Huppjoseph” ist.

Jetzt die Frage: Wo und wann mag dieser Roman spielen? Im ländlichen Bayern im 19. Jahrhundert oder etwa in der irischen Provinz am Ende des 20. Jahrhunderts? Falls Sie auf die zweite Lösung getippt haben sollten, kommen Sie vermutlich entweder selbst aus Bayern und wissen es besser oder Sie haben noch einmal kurz auf die Überschrift geschielt: Hornpipes, das ist Folk, das ist Irland, das ist ein bekanntes Klischee – natürlich muss der Roman in Irland spielen. Und das tut er tatsächlich – auch wenn die Sprache, in der die Romanfiguren sich unterhalten, eher an Weißbier und Brez’n denken lässt als an Whiskey und Irish Stew.

Die Hornpipes haben den Ort der Handlung letztlich verraten, doch auch die Sprache eines Romans gibt immer Hinweise darauf, wo und wann seine Handlung situiert ist. In Patrick McCabes englischem Original seines neuesten Romans Winterwood kommt daran kein Zweifel auf: Das Englisch hat einen irischen Einschlag, und neben Hornpipe und Fiddle tauchen typisch irische Ausdrücke wie beispielsweise „crack” für Spaß auf. Die Leser von Winterwald hingegen haben naturgemäß eine Übersetzung vor sich, in diesem Fall die von Hans-Christian Oeser, der für seine Übertragung von Patrick McCabes The Butcher Boy 1997 mit dem europäischen Übersetzerpreis Aristeion ausgezeichnet wurde und bereits seit vielen Jahren in Dublin lebt. Der erfahrene Übersetzer Hans-Christian Oeser wird Patrick McCabes Winterwald wohl kaum mit dem Bayerischen Wald verwechselt haben – was ist also hier passiert?

Es handelt sich um eines der klassischen Übersetzungsprobleme: Wie kann man einen Dialekt in eine andere Sprache übertragen, ohne dass das Ergebnis unfreiwillig komisch gerät? Wer gerne mal ältere Filme guckt, der weiß, dass Seeleute aller Nationen im Hamburger Dialekt sprechen und kein Afroamerikaner einen Satz ohne mindestens fünf Grammatikfehler zu Ende bringen kann. Was früher gang und gäbe war, befremdet zeitgenössische Zuschauer und Leser, denn irgendwann wurde der Dialekt aus Film und übersetzter Literatur ausgetrieben. Und so steht nun mancher Übersetzer vor einem Dilemma: Was tun, wenn gerade der Dialekt ein wichtiger Bestandteil des Romans ist, weil dieser den Ort der Handlung und die Personen charakterisiert? Genau dies ist in Winterwood der Fall:

Der Journalist Red Hatch reist zurück in sein Heimatdorf Slievenageeha, um eine Reportage über das ursprüngliche Irland zu schreiben und so auch die Geschichte seiner Kindheit zu erzählen. Dort trifft er auf das irische Urgestein Ned Strange, der Red schnell in seinen Bann zieht mit seiner Fiddle, irischem Schnaps und Geschichten aus den alten Zeiten, bevor die moderne Welt Einzug in Irland und auch ins Dorf hielt.

Neds Sprache spiegelt dabei seine Herkunft wider, sowohl seine soziale in der oft obszönen und sprachlich nicht korrekten Ausdrucksweise, als auch seine regionale – durch die Verwendung von Regionalismen und dialektalen Ausdrücken. Neds soziale Herkunft sowie den mündlichen Charakter der Erzählung überhaupt versucht Hans-Christian Oeser durch eingestreute ‘s („gibt’s”, „ging’s”, „schaudert’s”), Verkürzungen wie ’ne und ’nen und einen nahezu durchgängigen Gebrauch des Perfekt zu erhalten. Auch wenn sein Ned sich im Deutschen im Vergleich zum englischen Original immer noch korrekter und eher hochsprachlich ausdrückt, ist der Soziolekt insgesamt gesehen stilsicher übertragen.

Etwas weniger souverän geht Oeser mit den Regionalismen um: Einerseits streut er zusätzliches irisches Lokalkolorit ein, indem er beispielsweise den „drink” oder „clear”, den Ned literweise konsumiert, mit dem sicher nicht jedem deutschen Leser bekannten „Poteen” für irischen selbstgebrannten Whisky übersetzt, andererseits aber bizarrerweise den mittlerweile selbst in jeder deutschen Stadt zu findenden Irish Pub zu einer eher altertümlich anmutenden „Schenke” werden lässt. Doch wirklich heikel wird es schließlich beim Dialekt, wo sich unter anderem die bereits erwähnten Beispiele finden: Der „arme Dummlack” für „poor auld fool”, „Ich gottverdammter Hahnebampel” für „fucking muggins”, „Arschpfeiferl” für einen Furz und „Huppjoseph” für „the Twinkletoe Kid” beschwören – im Gegensatz zum Original – nicht unbedingt ein Bild des ländlichen Irlands herauf. Auch für „crack” – im Irischen durchaus geläufig für „Spaß” gebraucht – wählt Oeser mit „Fez” einen im Deutschen eher regional gebrauchten Ausdruck. Alternativen? Schwierig, denn ein Dialekt und all das, was man mit ihm verbindet, ist immer an eine Sprache gebunden und kaum übertragbar. Die Lösung, auf die sich die Macher von Film und Literatur offenbar verständigt haben, nämlich Dialekte schlichtweg zu ignorieren, verstärkt die Wirkung hier nur noch: Wer zuvor den Dialekt aus der Literatur gänzlich vertrieben hat, wird nun umso stärker von Oesers „Hahnebampeln” und „Huppjosephs” heimgesucht.

Hans-Christian Oeser hat versucht, sich aus der misslichen Lage in ein deutsches Dialektamalgam zu retten, das leider dem Ausgangstext nicht immer gerecht werden kann und an manchen Stellen sogar unfreiwillig komisch gerät. Doch sein Weg aus der übersetzerischen Zwickmühle sorgt zumindest dafür, dass sich die ansonsten sehr souveräne Übersetzung eines ganz bestimmt nicht vorwerfen lassen muss: Farblosigkeit.

Und wie geht die Geschichte nun weiter? Der Reporter verfällt dem Geschichtenerzähler und bemerkt erst zu spät, welche Abgründe sich hinter dessen großväterlicher Fassade tatsächlich verbergen. Parallel zur ländlichen Idylle beginnt auch Reds ganz persönliches Familienidyll zu bröckeln: Seine junge Frau verlässt ihn mitsamt ihrer kleinen Tochter, die Red vergöttert und deren Verlust ihn schnell an den Rand des Wahnsinns treibt.

Doch je mehr Red erzählt, umso klarer wird erkennbar, dass auch das Bild der perfekten Ehe, das er anfangs noch malt, vermutlich allenfalls in seiner Fantasie existiert. Es wird immer deutlicher, dass der Erzähler Red mit den Lesern ebenso spielt wie Ned mit ihm – in einem Spiel zwischen Realität und Fantasie, Vergangenheit und Modernität. Wir erleben mit, wie Red sich in diesem Spiel zunehmend verliert und in eine Welt voller Kindergeschichten und Geister, Unschuld und Grausamkeit gerät, in der Ned Verführer, Verfolger und Vorbild zugleich ist.

War der Journalist zunächst noch hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Bewunderung für Ned, so verwischen nach dem Zusammenbruch seiner heilen Welt und dem Abstieg in eine grausame Fantasiewelt die Grenzen zwischen den beiden immer mehr. Wir werden Zeuge, wie Red neben der Kontrolle über sein Leben zunehmend den Verstand und seine Identität verliert – und wir als Leser damit unseren verlässlichen Erzähler. Und so kann man am Ende dieses postmodernen Spiels noch nicht einmal mehr sicher sein, wer die Geschichte eigentlich erzählt hat – Red, der Journalist oder Ned, der Geschichtenerzähler.

Winterwood ist ein lesenswerter und äußerst eindringlicher Roman voller Widersprüche, der sich zwischen Realität und Traumwelt, Provinz und Großstadt, Vergangenheit und moderner Welt bewegt – und in seiner deutschen Fassung zusätzlich irgendwo zwischen der grünen Insel und dem Bayerischen Wald, zwischen irischen Hornpipes und bayerischen Huppjosephs.


Patrick McCabe: Winterwald, übersetzt von Hans-Christian Oeser, Berlin: Berlin Verlag 2008, 224 Seiten, 19,90 € Patrick McCabe: Winterwood, London: Bloomsbury Publishing Plc 2006, 189 Seiten, £ 12,99

Patrick McCabe wurde 1955 in der irischen Grafschaft Monaghan geboren. Bekannt wurde er vor allem mit seinem von Neil Jordan verfilmten Roman The Butcher Boy (1992), der ebenso wie Winterwood das irische Landleben entmythisiert und den Abstieg des Protagonisten in den Wahnsinn nachvollzieht. Er hat insgesamt neun weitere Romane, einen Erzählband, ein Drama und ein Kinderbuch veröffentlicht. Sein neuester Roman erschien 2009 unter dem Titel The Holy City.

Hans-Christian Oeser wurde 1950 in Wiesbaden geboren und studierte Germanistik, Politikwissenschaft, Philosophie und Pädagogik in Marburg und Berlin. Seit 1980 lebt er als literarischer Übersetzer, Herausgeber und Reisebuchautor in Dublin. Er übersetzte u.a. F. Scott Fitzgeralds Romane und Anne Enrights mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman Das Familientreffen. Er ist Ehrenmitglied der Irish Translators’ and Interpreters’ Association und erhielt im Jahr 1997 den europäischen Übersetzerpreis Areiston für seine Übertragung von Patrick McCabes Der Schlächterbursche.

Nadine Alexander steht vor dem Abschluss des Diplomstudienganges Literaturübersetzen an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit den Sprachen Englisch und Französisch. Sie hat im Rahmen ihres Studiums längere Zeit in Frankreich gelebt und gearbeitet. Hier nahm sie auch an mehreren Übersetzertagungen teil. In Zusammenarbeit mit anderen Studenten übersetzte sie eine Biographie Wilhelm von Humboldts aus dem Amerikanischen.


(ReLü. Rezensionszeitschrift zur Literaturübersetzung, Ausgabe 8, 2009)
 

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