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Helmut Heidenreich

 

„Jungs wie mich gibt es nicht alle Tage"

Mark Twains geheime Autobiografie: Lesung im Romanischen Haus – Sechs Monate intensiver Arbeit gingen voraus
 


GELNHAUSEN. Die Abenteuer Tom Sawyers und seines Kumpanen Huckleberry Finn gehörten in Buchform gebunden vor nicht allzu langer Zeit vielfach zum festen Bestandteil weihnachtlicher Gabentische fur heranwachsende Kinder. Selbst heutzutage in Zeiten sich stetig vermehrender Unterhaltungsmöglichkeiten haben sie ihren Stellenwert noch nicht ganz verloren und werden weiter gelesen. Zum Glück. Fördern sie doch wie jedes gut geschriebene Buch Vorstellungskraft, Fantasie und geistige Kreativität. Qualitäten, die auch im erwachsenen Leben gut zu gebrauchen sind. Der geistige Vater des literarischen Lausbubenpaares, der amerikanische Schriftsteller Mark Twain, hat uns aber nicht nur deren Geschichte hinterlassen, sondern neben einer Vielzahl weiterer Publikationen auch eine geheime Autobiografie, die am Donnerstagabend im Romanischen Haus in Form einer Lesung vorgestellt wurde.

 

Es war ein Eintauchen in große Literatur, welches auf Initiative von Tobias Gros, Inhaber der Brentano-Buchhandlung, zustande gekommen war und durch die hervorragende Präsentation von Hans-Christian Oeser, der die Übersetzung des Werkes aus dem Amerikanischen vorgenommen hatte, die zahlreichen Zuhörer fesselte und begeisterte. Geheim, zumindest weitgehend geheim, war diese Autobiografie deshalb, weil Mark Twain selbst verfügt hatte, dass sie erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden durfte. Der Grund dafür war, dass er sich bei dem Verfassen des Textes völlig frei und unbeeinflusst von anerzogenen und übernommenen Konventionen und Rücksichtnahmen fühlen wollte. „In dieser Autobiografie werde ich stets im Hinterkopf behalten, dass ich aus dem Grabe spreche. So kann ich frei sprechen“, formulierte der Schriftsteller seinen Leitgedanken.

 

Herausgekommen ist dabei ein sehr persönliches Buch, aber auch ein unschätzbares zeithistorisches Dokument. Dafür zeichnen neben der Erzählkunst des Schreibers interessante gestalterische Elemente verantwortlich. ,,Der Inhalt ist nicht chronologisch geordnet, sondern springt von Thema zu Thema und ist dabei eine Kombination aus Tagebuch und Memoiren. Twain montiert aktuelles Geschehen in seine Erinnerungen“, erläuterte Oeser und zählte noch weitere Besonderheiten auf. Die Erinnerungen des Autors seien vielfältig. Der Literat, rnit bürgerlichem Namen Samuel Langhorn Clemens, hatte ein abwechslungsreiches Leben: Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, versuchte er sich unter anderem als Vortragsreisender, Silbersucher und Lotse auf dem Mississippi. Wer viele Erfahrungen in seinem Leben sammeln konnte, hat auch viel zu berichten. Twain bewerkstelligte dies in einer schwungvollen und faszinierend bildhaften Sprache. Er ist ein Geschichtenerzähler, der den Leser mitnimmt in seine Welt und die gedruckten Worte lebendig werden lässt, als wäre man leibhaftiger Teil der beschriebenen Szenerie. ,,Die Übersetzung war eine beglückende Arbeit“, empfindet demzufolge auch Oeser. ,,Als Übersetzer lebt man für einen bestimmten Zeitraum mit dem Werk und dem Autor in einer Art geistigen Lebenspartnerschaft“, beschreibt er die sechs Monate intensiver Arbeit.

 

Es war seiner einfühlsamen, lebendigen und überaus packenden Lesung deutlich anzumerken, wie sehr dieser Identifikationsprozess gelungen ist. Ein Genuss zuzuhören. Trotz der im Grunde genommenen kurzen Zeit verstand er es vortrefflich, einen weitreichenden Einblick in die Persönlichkeit Mark Twains zu geben. In Deutschland oft nur als Jugendbuchautor wahrgenommen, war dieser auch ein politischer Mensch und scharfer Kritiker vieler Gegebenheiten seiner Epoche. Zu den Themen, die er anprangerte, gehörten beispielsweise die Ausrottung der Indianer, die Versklavung der Schwarzen sowie die endlose Gier nach Geld und Macht mit ihren Auswüchsen an der Wallstreet, dem US-amerikanischen Finanzzentrum. Die habe "einen Pesthauch über die Gesellschaft gelegt, von dem sie sich 100 Jahre nicht erholen wird“.

 

Twain war aber auch sehr humorvoll, ein glücklicher Ehemann und liebevoller Vater. Mit herrlichen selbstironischen Formulierungen beschreibt er in dem Buch, wie seine Frau versucht, ihm seine Unsitten, vorrangig bestehend aus Trinken, Fluchen, Rauchen und Spucken, mit sanfter Geduld abzugewöhnen. Dies allerdings gelingt nur teilweise. Den Freuden des Lebens zugeneigt konnte er Selbstbeschränkung nicht nachvollziehen, was er folgendermaßen formulierte: „Ich finde es bedauerlich, dass die Welt so viele gute Dinge ablehnt, nur weil sie unge-sund sind.“ Und er war ein guter Kenner Deutschlands und beherrschte die Sprache so sehr, dass er sie mutig und geistreich persiflieren konnte. Seine persönliche Tragik musste er im geliebten familiaren Umfeld erleiden. Sowohl seine Frau als auch seine Kinder, mit Ausnahme von Tochter Clara, starben vor ihm.

 

Hans-Christian Oeser, der für seine Ubersetzungen schon mehrfach ausgezeichnet wurde, erhielt für seine Lesung und die Beschreibung Mark Twains stehenden Beifall und direkt formulierte Komplimente. Das Publikum spürte die Nähe und Sympathie, welche er zu der großen Persönlichkeit des Schriftstellers gefunden hat. Er könne deshalb auch ohne Bedenken die Feststellung für sich beanspruchen, die Mark Twain einst in aller Bescheidenheit für sich selbst formulierte: „Jungs wie mich gibt es nicht alle Tage.“

 

(Gelnhäuser Tageblatt, 24. November 2012)

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