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presse : interviews

Lea Kubeneck

Interview zu Claire Keegans "Reichlich spät"

1. Kaum jemand liest literarische Texte so genau wie Übersetzer:innen. Und Sie übersetzen Claire Keegans Texte seit den frühen 2000ern. Gibt es eine sprachliche Entwicklung in Keegans Werk, die Sie beobachtet haben in den vergangenen 20 Jahren?

 

Meiner Überzeugung nach ist sich Claire Keegan stilistisch und inhaltlich treu geblieben. In immer neuen Ansätzen umkreist sie Fragen wie die Stellung der Frau, die Rolle der katholischen Kirche, verhängnisvolle Familienkonstellationen, die Zwänge der (meist ländlichen) Gemeinschaft, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit moralisch richtigen Handelns. Was vielleicht ins Auge fällt, sind die immer größeren Aussparungen, die immer subtileren Andeutungen, die immer sorgfältigere Textkomposition, besonders in den, wie ich sie nenne, Novellen Das dritte Licht und Kleine Dinge wie diese. Das wiederum mag mit der Novelle als Gattung zu tun haben, die ein dichteres Gewebe an Querverweisen und eine symbolträchtigere Sprache erfordert.

 

2. In der deutschen Übersetzung wurde nicht der Originaltitel übernommen. Aus «So Late in the Day» wurde im Deutschen «Reichlich spät». Können Sie uns erzählen, wie es dazu kam und ob es möglicherweise noch andere Überlegungen oder Vorschläge zur Titelauswahl gab?

 

O doch, der Originaltitel wurde sehr wohl übernommen. Der Titel der Erzählung – und es ist eine längere Erzählung und kein Roman, wie in vielen Rezensionen behauptet wird – verdankt sich im Original wie in der Übersetzung dem Schlusssatz, der Cathals uneinsichtigen Verdruss zusammenfasst. Meine unvergleichlich kompetente Lektorin Claudia Glenewinkel und ich haben uns lange den Kopf darüber zerbrochen, wie man „so late in the day“ am idiomatischsten übersetzen kann. Eine wörtliche Übersetzung – „so spät am Tag“ – verbot sich von selbst, da es eben nicht um einen Zeitraum namens „Tag“ geht, der ist auch im Englischen nicht gemeint, sondern um ein allgemeines „Zu spät“, und das in einem indignierten Ton, weil Cathal sich ja ungerecht behandelt fühlt. Insofern entspricht der deutsche Titel meines Erachtens präzise dem englischen.

 

3. Sie haben eine ausserordentliche Werkliste auf Ihrer Website – mehr als 200 Bücher sind durch Ihre Hände gegangen und wurden vom Deutschen ins Englische oder andersherum übersetzt. Was ist Ihr Prozess und Ihre Vorbereitung, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen? Wie «werden» Sie von Sebastian Barry zu Mark Twain zu Claire Keegan?

 

Unabdingbare Voraussetzung aller übersetzerischen Tätigkeit ist die stilistische Wandlungsfähigkeit des Übersetzers, die Fähigkeit, sich einem fremden Text „anzuschmiegen“. Das heißt keineswegs, dass der Übersetzer seine eigene literarische Handschrift verleugnen will oder auch nur kann. Gemäß seiner Persönlichkeit, seinem Geschlecht, seinem Alter, seiner Herkunft, seiner Vorbildung, seinem Werdegang, den sprachlichen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, ist er, der er ist, und kein anderer, schon gar nicht die Autorin selbst, auch nicht die, die die Autorin wäre, hätte sie in der Zielsprache geschrieben – so lautet ja ein gängiges Konstrukt. Grundsätzlich halte ich es mit Novalis, der den wahren Übersetzer als „Künstler“, als „Dichter des Dichters“ begriff und ihm die Aufgabe stellte, das Original „nach seiner und des Dichters eigner Idee zugleich reden“ zu lassen. Insofern ist zwar vor dem Inangriffnehmen einer neuen Übersetzung eine Phase der Umorientierung und Neubesinnung vonnöten; die in der Übersetzung stets zutage tretende Identität des übersetzenden Subjekts, seine von vielen geleugnete Sichtbarkeit, bleibt jedoch bestehen. Über das beliebte Kategorienpaar „treu vs. frei“ geht diese Haltung dem Text gegenüber weit hinaus.

 

4. Wir haben oben ja schon über die Titeländerung gesprochen. Nun würde uns noch interessieren, mit welchem Satz aus «So Late in the Day» Sie «kämpfen» mussten? Welcher Satz – oder auch welches sprachliche Bild – ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

 

Man kämpft, um ehrlich zu sein, mit jedem Wort, mit jedem Satz, mit jedem Bild. Übersetzen ist unaufhörliche Anstrengung, unentwegter Kampf. Übersetzen bedeutet, eine Vielzahl von Einzelentscheidungen zu treffen, bedeutet ständigen Zweifel. Ist das Buch dann erschienen, kann man sich zurücklehnen und sich an dem erfreuen, was einem gelungen sein mag: ein treffendes Wort, eine einleuchtende Metapher, eine schöne Formulierung, eine Satzmelodie, ein gewisser Rhythmus. Lohn ist auch, wenn die Kritik, wofern sie den Übersetzer überhaupt erwähnt, mit Lob meist nicht spart.

 

5. Sie leben ebenfalls in Irland. Wie kann man sich das vorstellen – haben Sie persönlichen Kontakt zu Claire Keegan, während Sie Ihre Bücher übersetzen? Fragen Sie nach, falls es Unklarheiten in der Übersetzungsarbeit gibt?

 

Ich kenne Claire Keegan von Anbeginn, das heißt, seit ihrem ersten Erzählungsband Antarctica, und schätze sie sehr, als Autorin wie als Person. Seltsamerweise waren es meine verstorbene Übersetzerkollegin Inge Leipold und ich, die dem Steidl Verlag Göttingen zeitgleich, aber völlig unabhängig voneinander eine deutschsprachige Ausgabe vorschlugen. Das 2004 zustande gekommene Buch Wo das Wasser am tiefsten ist haben wir denn auch gemeinsam verantwortet. Im Lauf der Jahre hatten Claire und ich Auftritte in Hall, Lüneburg, Osnabrück, Berlin oder Pforzheim. Wir schreiben uns, und in der Tat darf ich sie jederzeit mit Fragen behelligen. So viele sind es aber gar nicht, weil sie eine sehr klare, durchsichtige Prosa schreibt.

 

6. Können Sie uns verraten, wie lange Sie an der Übersetzung für «Reichlich spät» gearbeitet haben? Lesen Sie den Text vorab als Ganzes, oder Satz für Satz beim Übersetzen selbst?

 

Den ersten Teil Ihrer Frage kann ich nicht beantworten, da fehlt mir die Erinnerung. Dem Umfang nach würde ich auf vier Wochen tippen. Anders als manche Kolleginnen führe ich nicht Buch und mache mir leider auch keine Arbeitsnotizen, was eigentlich sinnvoll wäre, besonders dann, wenn man, wie manche Leser es sich zu Recht wünschen, eine deutschsprachige Ausgabe mit einem Nachwort über die eigene Herangehensweise versehen möchte. Denn das Lesepublikum sollte immer wieder aufs Neue darauf hingewiesen werden, dass es niemals direkten Zugang zum Originalwerk hat, dieses vielmehr nur gebrochen durch das Prisma des Übersetzers wahrnehmen kann. Weswegen ja auch keine Übersetzung ein und desselben Werkes der anderen gleicht. Zum zweiten Teil der Frage: Ich lese nie vorneweg, sowohl aus Zeitgründen wie auch in der Absicht, mich in die Ausgangslage des common reader zu versetzen und mir eine gewisse Spannung zu erhalten. Dann geht es Satz für Satz, Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel, vor und zurück, vor allem aber immer wieder zurück, um den Satzfluss zu überprüfen, um zu korrigieren, zu revidieren, anzugleichen und Mut für die nächste Portion Text zu schöpfen.

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