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Michael Longley: Gefrorener Regen. Ausgewählte Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider. Mit einem Nachwort von Michael Krüger. München (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) 2017.

 

In der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser ist soeben ein erster deutsch übersetzter Auswahlband aus dem umfangreichen Werk des großen nordirischen Lyrikers Michael Longley erschienen. In Gefrorener Regen, übersetzt von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider, zeigt sich eine Gedichtbandbreite aus elf Einzelpublikationen Longleys, von 1969 bis 2014. Longley, im selben Jahr geboren wie sein ungleich bekannterer Freund und Zeitgenosse Seamus Heany – welcher bereits früh auf Deutsch erschienen ist, kann als thematisch und handwerklich-sprachlich Heaney-ähnlich bezeichnet werden. Wo Heaney allerdings häufiger in die sprachliche Reduktion auf wenige Worte pro Vers geht, zieht es Longley in die Üppigkeit und den Reichtum eines großen Wortschatzes in englischen Sprache. Es ist mehr als an der Zeit, ihn auf Deutsch zu lesen und alleine deswegen ist Gefrorener Regen eine essentielle Publikation in diesem Lyrikjahr. Die Übersetzung, gefolgt von einer kurzen Nachbemerkung von Michael Krüger, ist solide, um nicht zu sagen von angenehmer Ausgeglichenheit. Sie ist allerdings auch stellenweise ein wenig zu ausgeglichen. Wo Longley definitiv abseits aller Graecismen – er ist wie Heaney der antiken Epik um Achilles und Co zugeneigt – auch zu Joycescher Deftigkeit und "kartoffeliger" Éire-Chthonik (man verzeihe den Begriff) tendiert ("cunty petals" etc.), den Leser sozusagen mitnimmt auf torfige Marktplätze und schamige Mooshügel, bleibt die deutsche Übertragung staunend-distanziert zurück und ergeht sich in einer, das Freche in Longleys auf-den-Punkt-Lyrik ausklammernden, zeitbezogenen Tümelei ("nackicht", "mählich" etc. z.B. fallen bei Gedichten aus dem Jahr 2014) – doch trotz dieser und einiger anderer Unebenheiten, die Longleys zwar insgesamt konservativen, wenn auch hochklassigen Sprachbehandlung an entscheidenden Stellen nicht immer gerecht wird, bzw. ihre ausbrecherischen Passagen an Wort und auch -stellung nicht wahrnimmt – besonders an Orten von englischer Ambivalenz – ist das konsequent mitabgedruckte Original links und jedes Gedicht damit dauerhaft zweisprachig verfügbar. Die deutsche Übersetzung liest sich mithin wie ein Reiseführer zu Longley und bevormundet daher nicht – jeder kann selbst übersetzen, loben, meckern. Editorisch perfekt. (...) Michael Longleys Gedichte lohnen auf Englisch in jedem Fall. Sie sind sprachmächtig und atmen ihr irisches Kolorit in allen Fasern. Longley, der selbst eine schöne Auswahl eines weiteren großen Belfasters des 20. Jahrhunderts, den es auf Deutsch noch zu entdecken gilt, Louis MacNeice, bei Faber & Faber herausgegeben hat, ist mit dieser schönen Publikation des Lyrik Kabinetts endlich und zurecht auf Deutsch verfügbar. Die thematische Verknüpfung von Antike und Natur, Politik und Zeitgeschehen in einer zugänglichen, kraftvollen Sprache hat Michael Longley zu Lebzeiten zu einem Klassiker der englischsprachigen Lyrik gemacht. Die Auswahl der Gedichte ist gut getroffen und vielleicht gibt es in Zukunft auch eine erste Übersetzung eines seiner Originalbände.

 

(Jonis Hartmann, fixpoetry, 22. August 2017)

Einige dieser Gedichte sind auch Liebesgedichte: 

 

Ein Eisberg in der Dunkelheit,  
In der wir uns küssen. Mein   
Stoppeliger Bart rötet ihr Kinn. 

Sie ist eine Rock-’n’-Rollerin.  
Teilen möchte ich mit ihr   
Symphonische Fragmente,  

Schneewehen hin zu ihrem Thema. 

 

An iceberg in the dark
Where we kiss, my bristly
Chin reddening her chin.

She’s a rock-’n’-roller.
I want to share with her
Symphonic fragments

Snowdrifting towards their theme.
 

Dieser Ausschnitt ist der Anfang eines Gedichts mit dem Titel „Sibelius, 1956“. Ich zitiere es unter anderem auch, um kurz auf die Übersetzung zu sprechen zu kommen. Im Großen und Ganzen finde ich sie sehr gelungen, was aber hier und da auffällt, sind die kleinen, etwas widersinnigen Freiheiten, die sich die beiden Übersetzer (Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider) genommen haben. 
      Warum z.B. wird in der Übersetzung von „Chin reddening her chin“ nicht die zweimalige Bezeichnung „Kinn“ aufgenommen? Warum wird sie durch den Bart ersetzt, obgleich keine Notwendigkeit besteht? Das ist meiner Meinung nach eine nichtadäquate Wiedergabe des Originals, und darum sollte es ja gehen, ums Wiedergeben – Übersetzer*innen sollen Texte ja nicht verbessern, oder? Auch den Punkt hinter „küssen“ kann ich nicht verstehen, denn das ändert ja etwas an der Dynamik des Gedichts, was von Longley sicher nicht so geplant war.

      Es sind Kleinigkeiten und doch gibt es einige davon. Alberto Manguel schrieb in „Eine Geschichte des Lesens“, dass er Rilkes Übersetzungen von Louise Labé eben deswegen schätze, weil Rilke sich Freiheiten nahm und mit seinen Übersetzungen neue Sinnzusammenhänge erschuf, die Labés Dichtung auch zu Rilkes Zeit noch aktuell erscheinen ließ. Im Fall von Longley empfinde ich die Übersetzungsfreiheiten aber eher als Ungenauigkeiten, die sich mir nicht erklären.

(Timo Brandt, Signaturen. Forum für autonome Poesie, o. D.)

Die zeitgenössische irische Dichtung ist mit zahlreichen Namen dankenswerterweise auch in deutscher Übersetzung vertreten; genannt seien an dieser Stelle nur Moya Cannon, Derek Mahon, John Montague, Paul Muldoon oder Matthew Sweeney. Nun stellt eine von Hans-Christian Oeser und Jürgen Schneider aus elf Originalbänden zusammengestellte und (hier und dort etwas zu prosaisch) übertragene Auswahl den 1939 in Belfast geborenen und in Irland hochgeschätzten Michael Longley vor – endlich, möchte man hinzufügen, denn mindestens einen solchen Band hätte er lange schon verdient.

 

(Jürgen Brôcan, Neue Zürcher Zeitung, 26. Januar 2018)

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