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Derek Mahon: Ovid auf Reisen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Englischen von Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser. Berlin/Hörby: Edition Rugerup, 2011.



Noch schlummert sie, glatt und golden, die Augen groß unter den sacht gewölbten Lidern, klein der stille, schelmische Mund. Brancusis «Schlafende Muse» ziert den Umschlag des Bändchens «Ovid auf Reisen», und ihre in sich ruhende Eleganz stimmt trefflich ein auf die Gedichte des 1941 in Belfast geborenen Derek Mahon. Denn hier spricht ein Klassiker, noch wenn im Hintergrund seiner Texte der Feuerschein des nordirischen Bürgerkriegs flackert, noch wenn gleich die ersten Zeilen im Band ironisch die Fallhöhe aus dem Ideellen – gefasst im Anklang an den berühmten Chor aus Sophokles' «Antigone» – ins Hier und Jetzt spätbürgerlicher Zivilisation ausmessen: «Der Wunder sind viele. Der Wunder größtes aber ist der Mensch, / Der den Terrier gezähmt, die Hecke gestutzt / Und das Prinzip der Gießkanne erfasst hat.»

Obwohl Mahon seit bald 50 Jahren publiziert und zu den derzeit bedeutendsten irischen Lyrikern zählt, ist die von Margitt Lehbert und Hans-Christian Oeser besorgte und übertragene Gedichtauswahl die erste, die von ihm in deutscher Sprache erscheint. Und obwohl der Dichter mithin dem hiesigen Publikum so gut wie unbekannt sein dürfte, haben die Übersetzer beschlossen, nur kargste Informationen mitzureichen: Eine biografische Notiz auf der Umschlagklappe, keine detaillierte Quellenangabe oder Datierung bei den Gedichten. Immerhin ist die Anthologie zweisprachig – das war unabdingbar im Falle dieses Lyrikers, dessen spielerisch-raffinierter Umgang mit Reim, Binnen- und Halbreim im Deutschen schwerlich einzuholen gewesen wäre; jedenfalls nicht in der fließenden, gänzlich unangestrengt wirkenden Diktion, die Mahons Schaffen auszeichnet.

Mit derselben Schwerelosigkeit bewegt sich der Dichter etwa in «Ovid in Tomis» zwischen Antike und Gegenwart. Bald im harten Gegenschnitt, wenn die Zeitebenen in grotesken Metamorphosen zusammengespannt werden und ein störrischer Gott sich in ein abgewracktes Schaltgetriebe, eine Nereide sich in eine dümpelnde Cola-Flasche gebannt sieht; bald in nüchtern ausgekühlten Sprachbildern, die mit minimalem Aufwand die Misere des exilierten Dichters beschwören: «Ich, der einst erhobenen Hauptes / Über das Forum schritt, / Eine lebende Legende, // Schließe mein Schaffell / An den öligen Wassern / im skythischen Wind.» Die Reduktion der Sprache zeichnet bereits die geistige Entwicklung vor, die Mahons Ovid durchmacht, die Hinwendung zu einer fernöstlich anmutenden Kontemplation, die am Ende eingesteht: «Besser, die leere / Seite zu betrachten / Und sie leer zu lassen, // Als ihre Substanz / mit auch nur einem / Federstrich zu ändern.» Hier trifft sich der Römer mit dem Japaner, der in «Das Schneefest» den Haiku-Dichter Bashō und andere Gäste zu sich lädt, nur um den fallenden Schnee zu betrachten; hier trifft er sich auch mit einem Alter Ego von Mahon selbst – dem Dichter, der in «Das Tao von Mayo» seit Jahren «an einem Vierzeiler / über das Leben eines Blatts» laboriert.

Der Rückzug in die Natur, die reine Betrachtung der Dinge gelingt Mahon immer wieder, wovon frappierende Bilder zeugen – wenn etwa das Universum sich in dem Lapislazuli auf dem Pult des Dichters zu ballen scheint: «Ein ganzer Nachthimmel als Briefbeschwerer / ruht dieser aus dem All gewehte azurne Block / auf meinem Schreibtisch hier, ein schimmerndes Stück / Planetengestein, getüpfelt mit Gold und Weiß ....» Aber die schiere Tatsache, dass die Beobachtung ins Wort gesetzt wird, markiert auch schon den Wiedereintritt in die Zeitgenossenschaft, deren Sog sich Mahon nicht zuletzt aufgrund seiner nordirischen Herkunft nicht entziehen kann. Mehrere Gedichte erzählen denn auch vom Überdruss am «blassen Paradies» eines ländlichen Réduits oder einer beruhigten Existenz im Schoß der Londoner Intelligenzia – und von den Gewissensbissen dessen, der sich allzu oft von der Heimat absentiert hat: «Wäre ich geblieben und hätte / Hier Bombe um Bombe gelebt, / Vielleicht wäre ich endlich erwachsen / Und hätte gelernt, was Heimat heißt.»

Eine vollendete Fusion von Mahons scharfsichtiger, noch das demütigste Sujet über sich hinaushebender Beschreibungskunst und seinem ohne Penetranz vertretenen humanen Weltverständnis bietet «Ein leerstehender Schuppen im County Wexford». Das Gedicht schildert eine aufgegebene Pilzzucht, die seit Jahren im Schuppen wuchert, nur von dem dünnen Lichtstrahl genährt, den das Schlüsselloch einlässt; ohne die packende Präzision der Sprache auch nur ein Wort lang preiszugeben, ohne gefühligen Ausrutscher lädt Mahon das Bild Zeile für Zeile mit menschlichen Zügen auf, bis die blasse, ausgezehrte Saat ihre Stimme – auch – für die beseelten Opfer vergangener Katastrophen erheben darf: «Duldet nicht, dass der Gott uns verlässt, / Die wir so weit gekommen sind in Dunkel und Pein. / Auch wir hatten unser Leben zu leben.»


(Angela Schader, Neue Zürcher Zeitung, 15. Dezember 2012)

 

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