lob- und dankreden

Hans-Christian Oeser

 

Der reitende Bote des Königs

Dankrede zur Verleihung des Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreises

 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,

 

an dieser Stelle darf ich verraten, daß ich meinen allerersten Übersetzerpreis 1996 in Gestalt eines auf Papier geklebten Kranzes aus getrockneten Lorbeerblättern erhielt. Ich habe mich herzlich gefreut. Überreicht hat ihn mir der unvergessene Helmut Frielinghaus für die Übertragung dreier Strophen eines mir unbekannten Gedichts des ungenannt gebliebenen englischen metaphysischen Poeten Thomas Traherne, und da Susanne Höbel damals dabei war und auch heute unter uns weilt, sei mir gestattet, einige Verszeilen daraus zu zitieren. Vielleicht erinnert sie sich noch daran, denn das damalige Bertelsmann-Seminar über das „Übersetzen von Lyrik innerhalb von Prosatexten“ wird sie auch sonst in bester Erinnerung behalten haben ...

 

Kann alles, was wir wachend sehn,

      Des Nachts im Traume uns geschehn?

             Ich wußte es als Kind:

             Auch meine Träume sind

      So wahr wie alles, was ich um mich find;

Die Welt war dort zu Gast. Wie sonderbar,

Daß Himmel Erd und Erde Himmel war!

 

Und nun ist mir heute ein hochoffizieller und noch dazu hochdotierter Übersetzerpreis überreicht worden, der Helmut-M.-Braem-Preis, und ich kann es noch gar nicht richtig fassen:

 

Kann das, was ich im Traum gesehn,

      Bei Tag, in Wirklichkeit, geschehn?

 

Ich habe, als Leser wie als Übersetzer, eine Vorliebe für die kleineren Formen: für das Gedicht, die Short Story, die Erzählung, die Novelle, den Kurzroman. Man kann sich also ausmalen, wie mir zumute war, als ich Mark Twains in mehr als einem Sinne gewichtige Autobiographie zum ersten Mal als Buch in Händen hielt: ein ziegelsteinschwerer Band, dessen reiner Textteil sich in der deutschen Übersetzung auf stolze 922 Normseiten belaufen sollte. Was der Jury bei ihrer Entscheidung gar nicht bewusst gewesen sein dürfte: Dieses ausgemachte Monstrum stellt nur den ersten der auf insgesamt drei Bände angelegten Originalausgabe dar, die in ihrer Gesamtheit mehrere Aktenmeter, 5000 Typoskriptseiten, eine halbe Million Wörter umfaßt. Dem Autor zufolge ist sie denn auch „kein Ferienausflug – sie ist eine lange Reise“. Und eine lange Reise war und ist auch die deutsche Übertragung, deren zweiten Band ich vor wenigen Wochen ächzend, wenn auch mit einem leisen Seufzer des Bedauerns abgeschlossen habe.

      Damit ist die erste große Herausforderung an den Übersetzer benannt: die schiere Textmasse, an der er sich Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat abarbeiten, für die er ein Höchtmaß an Geduld, Konzentration und Akribie aufbringen mußte. Über sieben Monate hinweg war Mark Twain mein intimer „Lebensabschnittspartner“, den ich nur ein-, zweimal mit einem anderen Autor betrog ...

      Eine zweite Herausforderung war die Fülle höchst unterschiedlicher Textsorten und literarischer Genres, die in diese Autobiographie aufgenommen wurden, als da sind: Erzählung, Skizze, Anekdote, Aphorismus, Gedicht, Essay, Brief, Telegramm, Zeitungsmeldung, Reportage, Reisebericht, Ansprache und Vortrag sowie das vollständige Manuskript einer Einführung zu Jeanne d’Arc in unlektorierter und in lektorierter Form, vor allem aber immer wieder Passagen jener anrührenden Biographie, die Mark Twains dreizehnjährige Tochter Susy über ihren Vater verfasste und die mit zahlreichen Rechtschreibfehlern durchsetzt ist, welche ebenfalls ins Deutsche gebracht werden mussten.

      Mark Twains Selberlebensbeschreibung ist ein kunterbunter Bilderbogen, ein Sammelsurium, ein Potpourri, ein Amalgam, ein Konglomerat, ein Mischgemesch, auf dessen vorherrschendes Strukturprinzip, die Abschweifung, der Autor in der ihm eigenen Mischung aus Selbstverliebtheit und Selbstironie sichtlich stolz war: „Die Form dieses Buches ist eine der denkwürdigsten literarischen Erfindungen der Zeitalter. [...] Sie nimmt den gleichen Rang ein wie die Dampfmaschine, die Druckerpresse & der elektrische Telegraph.“

      Die dritte Herausforderung erklärt sich durch einen inneren Widerspruch der Autobiographie: daß sie zwar einerseits, statt mit der Feder oder auch nur mit der Maschine geschrieben zu sein, einer Stenographin diktiert wurde, meist vormittags vom Bett aus, daß sie aber andererseits bei aller Mündlichkeit vom unbedingten Stilwillen des Autors gesprägt ist. Es galt also, das englische Original in ein flüssiges, geschmeidiges, heutiges und doch zeitauthentisches Deutsch zu übertragen, das weder den Charakter gesprochener Sprache noch die Eigentümlichkeiten künstlerischer Durchgeformtheit verleugnen durfte.

      Wir haben es mit der „wunderbaren Ungezwungenheit“ (Rolf Vollmann) eines Parlandostils zu tun, zugleich aber mit einem hochliterarischen Text, der, obwohl sich die nachträglichen redaktionellen Eingriffe des Autors auf ein Minimum beschränkten, ästhetisch wie aus einem Guß wirkt. Bevorzugte Stilmittel sind Wiederholung („eine höchst wirksame Waffe im Reich des Humors“), Reihung, Steigerung, Übertreibung des Unwesentlichen und Untertreibung des Wesentlichen. Bei Mark Twain gibt es fast nie nur ein Adjektiv, nein: „Der junge Rockefeller, vielleicht fünfunddreißig Jahre alt, ist eine schlichte, einfältige, ernsthafte, aufrichtige, ehrliche, wohlmeinende, gewöhnliche Person, ohne auch nur einen Hauch von Originalität.“

      Für jeden Aspekt dieses monumentalen Werkes: das Private und das Öffentliche, das Persönliche und das Politische, das Moralische und das Literarische, musste ein eigener, insgesamt jedoch einheitlicher Ton gefunden werden, der den Mark Twainschen Witz ebenso bewahrt wie den Mark Twainschen Ernst, seinen sprühenden Humor ebenso wie seinen offenbar von Schopenhauer beeinflußten tiefen Pessimismus, ein Ton, der langen erzählerischen Atem und Kurzweiligkeit der Einzelpassage miteinander versöhnt.

      Einem so faszinierenden, einem so vielschichtigen Mann innerlich nahezukommen – und nicht nur, wie er sich ausdrückt, seine „Kleider und Knöpfe“ zu zählen – war eine beglückende Erfahrung, und so fühlte ich mich während der Arbeit denn auch nicht wie eines von Puschkins „Postpferden der Bildung“ und schon gar nicht wie eine „Schindmähre der Kultur“ (so bezeichnete uns Übersetzer bekanntlich der Namensgeber dieses Preises), sondern eher wie der reitende Bote des Königs, der die zutiefst menschliche Botschaft Mark Twains in deutsche Lande tragen durfte. Wobei Mark Twain natürlich kein König und nicht einmal Monarchist war, sondern überzeugter Republikaner, überzeugter Demokrat, überzeugter Antikolonialist, überzeugter Antiimperialist, überzeugter Antimilitarist, überzeugter Atheist, mit einem Wort: Humanist.

      Viele Sätze haben sich mir eingeprägt, Sätze wie der über die Kindheit auf der Farm seines Onkels („Ich erinnere mich [...] an die Quadrate aus Mondschein auf dem Fußboden und an die weiße kalte Schneewelt, die sich draußen vor dem vorhanglosen Fenster bot“), wie der über die geliebte Tochter Susy („sie, die unser Wunder und unsere Wonne war“), wie der über die US-Soldaten seiner und sicherlich auch unserer Zeit („unsere uniformierten Meuchelmörder“), wie der über die Machenschaften der Wall Street (sie habe „einen Pesthauch“ über „die kommerzielle Moral der Vereinigten Staaten“ gelegt), wie der über das Los des Menschen („Eine Myriade Menschen werden geboren; sie ackern und rackern und ringen um ihr Brot; sie zanken und zetern und streiten; sie rangeln um kleine schäbige Vorteile; das Alter beschleicht sie; Gebrechen folgen; Schändlichkeiten und Demütigungen brechen ihren Stolz und ihre Eitelkeit; die sie lieben, werden ihnen genommen, und Lebensfreude verwandelt sich in kummervolles Leid. Die Last der Schmerzen, Sorgen, Qualen wird Jahr für Jahr schwerer; schließlich ist aller Ehrgeiz erloschen, aller Stolz erloschen, alle Eitelkeit erloschen; an ihre Stelle tritt das Verlangen nach Erlösung. Diese vollzieht sich schließlich – das einzige unvergiftete Geschenk, das die Erde je für sie bereitgehalten hat –, und sie verschwinden aus einer Welt, in der sie ohne jede Bedeutung gewesen sind; in der sie nichts erreicht haben; in der sie ein Irrtum, ein Misserfolg, eine Torheit gewesen sind; in der sie kein Zeichen hinterlassen, dass sie je gelebt haben – eine Welt, die sie einen Tag lang betrauert und dann für immer vergisst.“

      Aber da sei der Helmut-M.-Braem-Preis vor! Ich danke allen, die mir geholfen haben, diese schwierige Aufgabe zu bewältigen, ich danke dem Übersetzerfonds, ich denke dem Freundeskreis, ich danke der Jury, ich danke dem Laudator, ich danke der studentischen Gruppe, die den umfangreichen Anmerkungsteil übersetzte. Danken möchte ich aber auch und besonders – und jetzt befleißige ich mich bewußt einer Mark Twainschen Diktion – meiner jungen, meiner agilen, meiner alerten, meiner einfühlsamen, meiner gewissenhaften, meiner sorgfältigen, meiner gründlichen, meiner emsigen, meiner tüchtigen Lektorin Nele Holdack, die mein mitunter krauses und krautiges Deutsch überhaupt erst in lesbare Form gebracht hat, sowie René Strien, dem vormaligen Leiter des Aufbau-Verlags, der das Mammutprojekt von Anfang bis Ende nicht nur mit wohlwollender Anteilnahme, sondern mit großer Leidenschaft begleitet und gefördert hat. Ein großes Dankeschön ihnen und Euch allen!

(gehalten am 28. Juni 2014 in Wolfenbüttel)

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