Samuel Pepys: Die Tagebücher. Vollständige Ausgabe in neun Bänden nebst einem “Companion”. Eingerichtet und herausgegeben von Gerd Haffmans und Heiko Arntz. (“The Diaries”). Band 4. Iovrnal 1663. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Berlin: Haffmans & Tolkemitt, 2010.

 


Haffmans & Tolkemitt sowie Zweitausendeins haben mit diesem Projekt ein ganz großes Ding gedreht und die anderen halbherzigen Pepys-Übersetzungen mit einem Schlag überflüssig gemacht. (Als Appetizer und Reisebegleiter mag die einbändige Leipzig-Insel-Ausgabe von 1980 noch Bestand haben.) Die Übersetzung ist von kleineren Macken abgesehen zuverlässig, und, wenn man bedenkt, dass fünf Übersetzer daran laboriert haben, erfreulich einheitlich und schön zu lesen.


(Marc Fabian Erdl, Der Freitag , 19. Oktober 2010)


Es war zweifellos ein gewagtes, ja heroisches Unternehmen, den ganzen Pepys in den deutschen Sprachraum zu verpflanzen. Der Verlag erleichtert seinen Lesern den Zugang durch einen «Pepys Companion», der Bildmaterial, eine Zeittafel, ein kommentiertes Personenregister, einen schönen Essay von R. L. Stevenson und ein reichhaltiges Nachwort des Herausgebers Heiko Arntz enthält; und als werbewirksame Zugabe ein Wörterbuch für das vielsprachige «Sündenbabel-Idiom», in dem der Diarist seine sexuelle Buchführung codiert. Zu den Prinzipien der Übertragung, auf die es vor allem ankäme und mit der gleich sechs Übersetzer betraut waren, kein Kommentar. Offenbar gibt es da kein Problem.

Verständlicherweise wollte man den gewaltigen Textbrocken für heutige Leser möglichst mundgerecht machen, was bedeutet, dass hier gründlich eingedeutscht wurde. So pflegt der Schreiber Umgang mit Leitenden Beamten, Stadtvögten, Geheimräten und Oberstaatsanwälten, der Sprecher des Unterhauses wird zum Präsidenten befördert, die Cambridger Studenten studieren am Christuskollegium und machen Magisterabschlüsse, man heiratet standesamtlich und trinkt fleissig Sekt (sack = spanischer Weisswein); der Erzbischof residiert in Schloss Lambeth, und weiter stadteinwärts stösst man auf den Tower-Berg und die Ludgate Hill-Strasse. Gegen die Anglisierung des Deutschen lässt sich manches sagen, aber es gibt so etwas wie Lokalkolorit, und dafür, dass London nicht in Deutschland liegt, sollte man dankbar sein.

Die Schnitzer sind Legion, leider auch an entscheidenden Stellen. Wenn Pepys sich als «liberal genius» bekennt, «outet» er sich nicht etwa als Freigeist, wenn er seine Frau «a comely person» nennt, heisst das nicht «ein lieber guter Mensch», sondern dass sie hübsch ist, die Königsmörder sehen keineswegs «fröhlich», sondern gefasst ihrer Exekution entgegen, und einer, der für «robbery» in Tyburn gehängt wird, ist kein Raubmörder, sondern ein schlichter Räuber – was für den Strick völlig ausreichte.

Insgesamt liest sich die Übersetzung angenehm flüssig – viel flüssiger als das Original. Die dort oft atemlos Satzteile häufende Syntax wird gnadenlos in Häppchen zerlegt, logisch geglättet, vom spontanen Präsens in die Vergangenheit befördert, von Wiederholung und affektivem Nachdruck gereinigt und, je nachdem, wattiert oder beschnitten. Da die Ausgabe ohne Kommentar auskommen will, mischen die Übersetzer ständig Erklärendes in ihren Text, ohne die Zusätze zu markieren. Schlimm wird es, wenn sie anfangen, die Vorlage zu poetisieren; etwa beim Grossen Brand, einer unvergleichlich intensiven Passage, wo sie vom Fauchen der Flammen und dem Tosen der Feuersbrunst schwafeln; bei Pepys steht nichts weiter als «the noise of the fire». In seinem mangelnden Respekt vor dem Text scheint sich das Übersetzerteam einig – aber wie viele Leser werden es merken?


(Werner von Koppenfels, Neue Zürcher Zeitung , 7. November 2010)


Lektüre mit Suchtgefahr. Zumal sich das in der Übersetzung von Arnd Kösling, Michael Haupt, Hans-Christian Oeser, Marcus Weigelt, Georg Deggerich und Martin Richter auch süffig liest. Zu süffig. Denn so hat Pepys nicht geschrieben.

Lassen wir die klaren Übersetzungsfehler beiseite (beispielsweise kommt jemand der "robbery" begangen hat, nicht wegen Raubmordes, sondern kommt wegen Raubes an den Galgen, und der auch von Shakespeares Fal staff so geschätzte "sack" war ein spanischer Weißwein und kein Sekt): Was insgesamt nicht stimmt, ist der Tonfall. Natürlich kann man einen englischen Text aus dem 17. Jahrhundert heute nicht in barockes Deutsch übersetzen, wie es eigentlich adäquat wäre. Aber die Modernisierungen stören doch.

Am wenigsten akzeptabel ist jedoch die Glättung des Originals. Ein kurzer Blick in dieses macht sicher: Pepys springt vom Imperfekt ins Präsens und wieder zurück, er reiht Satzfetzen, lässt die Grammatik der gepflegten Sprache beiseite. Das macht den Text ungeheuer lebendig. Die Übersetzung kommt hingegen sehr sauber daher, sie achtet auf das Sprachgefühl des Lesers und packt das ruppige Original in die Watte der korrekten Syntax.

Das erhöht die Lesbarkeit ungemein – aber dem Leser muss auch klar sein, dass er im Grunde nicht Pepys in Übersetzung liest, sondern redigierten Pepys. Da wundert es dann auch nicht, wenn die Kraft einer lakonischen Feststellung im Original in der Übersetzung zur schwächlichen Pseudopoesie verfällt.

Solange man sich jedoch nicht dem – freilich ob des wohl unumgänglichen wiederholten Nachschlagens im Wörterbuch bisweilen mühsamen – Vergnügen unterziehen will, Pepys in der bestmöglichen Variante, nämlich im englischen Original zu lesen, wird man um diese Übersetzung nicht herumkommen. Es sei denn, man will sich des Vergnügens, Pepys zu lesen, von vorneherein ganz berauben.


(Edwin Baumgartner, Wiener Zeitung , 12. November 2010)


Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie die kundig von Marcus Weigelt, Georg Deggerich, Hans-Christian Oeser, Michael Haupt und Arnd Kösling übersetzten Tagebücher von Samuel Pepys, erschienen im Haffmans und Tolkemit Verlag bei Zweitausendeins.


(Denis Scheck, Druckfrisch, Das Erste, 10. Januar 2011)


Der Haffmans-Text soll ohne Unterbrechungen gelesen werden. Deshalb haben die Übersetzer hier und da das Plastische und Idiomatische im Interesse der Geläufigkeit zurückgedrängt. Pepys schreibt eine geschmeidige Kanzleisprache. Liest man das Tagebuch so, wie es geschrieben worden ist, am Stück, dann begreift man, dass Pepys sich im Amt unentbehrlich machte. Der treue Beamte muss jeder Abschweifung folgen, aber immer bei der Sache bleiben.


(Patrick Bahners, Literaturen 5, 2010, S. 62)


Axel Milberg liest das so hinreißend beiläufig, dass man ihn glatt für den Verfasser dieser äußerst aufschlussreichen Aufzeichnungen halten könnte. Obwohl es pro Tag nicht mehr als ein, zwei (übrigens vorzüglich übersetzte) Druckseiten sind, entsteht der Eindruck einer lebendigen Erzählung, der man gespannt und amüsiert folgt.


(Sigrid Menzinger, Deutschlandradio Kultur, 21. Oktober 2011)


Nun liegen diese intimen Aufzeichnungen und Bekenntnisse nach fast vierjähriger Übersetzungs- und Lektoratsarbeit zum ersten Mal vollständig auf Deutsch vor – ungekürzt und unzensiert. Insgesamt 4416 Seiten in neun Bänden, erschienen im Verlag Haffmans & Tolkemit. Dazu gibt es ein Companion mit dem berühmten Essay von Robert Louis Stevenson, mit Stammbaum, Entschlüsselung des erotischen Vokabulars, mit einer Chronik, ausführlichem Personenverzeichnis und mit Materialien in Wort und Bild, wie Stadtplänen von London und zeitgenössischen Abbildungen. Besorgt haben diese Ausgabe der Verleger Gerd Haffmans und der Lektor Heiko Arntz. Eines der größten Übersetzungs- und Editionsprojekte der letzten Jahre übertrumpft die bisherigen deutschen Auswahlausgaben, die alle zusammen nur etwa zwanzig Prozent des Originals wiedergeben.


(Rainer Schmitz, Deutschlandfunk, 9. Januar 2011)

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