lob- und dankreden

Thomas Plaul

 

Laudatio auf den Träger des Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preises 2010

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Hans-Christian,

 

als Hans-Christian Oeser vor zwei Jahren mein Gast in der Hörfunksendung „Doppel-Kopf“ des Hessischen Rundfunks war, hat er viele bemerkenswerte Dinge über das Übersetzerdasein gesagt, von denen ich zwei hier wiedergeben möchte:

      Zum einen hat er auf meine Frage, wie wichtig ihm eine Auszeichnung sei – damals sprachen wir über den Europäischen Übersetzerpreis „Aristeion“, der ihm 1997 verliehen worden war –, ohne falsche Scham geantwortet, dass er sowohl eine Auszeichnung als solche als Anerkennung empfände als auch den – wörtlich -  „pekuniären Aspekt“, der damit verbunden sei. Ich greife am Ende dieser Laudatio diesen Punkt noch einmal auf.

      Die zweite Aussage, die ich aus der Doppel-Kopf-Sendung herausgezogen habe, ist Hans-Christian Oesers Befund, dass es sich bei den Übersetzern um eine, wie er sich ausdrückte, „gekränkte Zunft“ handele. Weil Übersetzer und ihre Arbeit in der Regel immer noch nicht ausreichend gewürdigt und – „pekuniär“ gesprochen – entgeltet würden.

      Das ist leider richtig! Verantwortlich für diesen Missstand sind sicherlich viele – auch Bertolt Brecht. Brecht war einer der wichtigen Schriftsteller für den Gymnasiasten Hans-Christian Oeser gewesen. In Brechts berühmtem Gedicht, „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ (das ist der Titel, nicht das Gedicht selbst), bedankt sich das lyrische Ich in der letzten Strophe ausdrücklich bei jenem Zöllner, der Laotse bei seinem Grenzübertritt darum gebeten hatte, all die Weisheiten in seinem Kopf niederschreiben zu lassen.

      Woran Brecht nicht gedacht hatte – wie viele vor und nach ihm –, ist, auch den Übersetzern Dank zu sagen! Denn ohne diese „gekränkte Zunft“ wäre für uns – also für die wenigen unter uns, die das knapp zweieinhalbtausend Jahre alte Chinesisch des Laotse nicht beherrschen – für uns also wäre das Buch Taoteking nicht zu lesen gewesen. Man muss Weisheit im Brechtschen Sinne nämlich nicht nur teilen, man muss sie auch in andere Sprachen übertragen!

      Der Wert der Arbeit von Übersetzern ist daher auch im Sinne eines weltumspannenden Kulturdialogs von essentieller Bedeutung. Und diese Arbeit kann man rein symbolisch oder eben auch „pekuniär“ unterstützen – durch Auszeichnungen zum Beispiel, wie den hier zu vergebenden Rowohlt-Preis.

      Den wird gleich Hans-Christian Oeser für sein „gesamtes übersetzerisches Schaffen“ erhalten, wie es in der Begründung der Jury heißt. Dieses Schaffen umfasst bis heute über 100 übersetzte Romane, Erzählungen und Gedichtbände. Dazu kommen allerdings noch etliche Bücher, die Hans-Christian Oeser verfasst, herausgegeben oder verlegt hat.

      Eine beeindruckende Leistung, zumal diese insgesamt etwa 150 Titel in nur 21 Jahren zusammengekommen sind – das macht gut sieben Bücher pro Jahr! Hans-Christian Oeser hat nämlich erst „so richtig“ – wie er sich ausdrückt – im Alter von 39 Jahren mit diesen Arbeiten, allen voran mit dem Übersetzen, begonnen. Und wenn man dann auch noch die zahlreichen Aufsätze, Nachworte und anderen Texte hinzuzählt, die er verfasst hat, und weiß, dass er auch aktives Mitglied in einigen kulturpolitischen Verbänden ist, dann ahnt man, dass Hans-Christian Oeser zu diesem mysteriösen Menschenschlag gehört, deren Tag mehr als 24 Stunden haben muss!

      Wenn ich all die Autoren aufzählen wollte, die Hans-Christian Oeser übersetzt hat, könnten wir morgen früh noch das Frühstück hier einnehmen. Also möchte ich mich auf einige wenige beschränken. Und zwar auf die irischen Autorinnen und Autoren, die auch den Großteil seines Werkes ausmachen.

      Daher sollen Schriftsteller wie etwa Thomas Hardy, William Faulkner oder F. Scott Fitzgerald ungenannt bleiben, nicht aber so bekannte irische Namen wie Brendan Behan, John McGahern, Bernard MacLaverty oder der Altmeister der irischen Literatur, William Trevor.

      Wie auch einige der jüngeren Autoren zu nennen sind, die Oeser nicht müde wird, deutschen Verlagen anzuempfehlen. So sind mit seinem Dazutun in den vergangenen beiden Jahrzehnten etliche neue, frische Stimmen von der Insel zu uns herübergeweht: Den furios fabulierenden und guinnessschwarzhumorigen Patrick McCabe zum Beispiel, den kunstvoll erzählenden Dermot Healy oder Sebastian Barry, an dessen eigenwillig poetischer Sprache sich der deutschsprachige Leser nur deshalb ergötzen kann, weil Hans-Christian Oeser diese Poesie im Englischen hören und im Deutschen dann zum Klingen bringen kann.

      Und nicht zu vergessen Anne Enright, deren Roman „The Gathering“ 2007 den Booker-Preis gewann und deren, wie Bernadette Conrad damals in der ZEIT schrieb, „leichte Sprache von hoher Assoziationskraft“ in Oesers Arbeit mit dem Titel „Das Familientreffen“ eine „überzeugende Übertragung“ gefunden hätte.

      Und neben all diesen Übertragungsarbeiten und anderen genannten Aktivitäten hat so einer wie Hans-Christian Oeser ab der 25. Stunde seines Tages dann auch noch Zeit, sich als literarisches – entschuldige, Hans-Christian – „Trüffelschwein“ zu betätigen. Um zum Beispiel eine solch wunderbare Erzählerin wie Maeve Brennan zu erschnüffeln. Jene 1917 in Dublin geborene und 1993 in New York gestorbene Maeve Brennan, die in New York für einige Jahre für ihre journalistischen und literarischen Texte gefeiert wurde, bevor man sie vergaß und verarmen ließ. Hans-Christian Oeser überträgt uns die feingliedrige Prosa dieser brillanten Stilistin so, wie das Lieblingswort einer der Figuren in dem Erzählband „Tanz der Dienstmädchen“ lautet, der in diesem Frühjahr erschienen ist, nämlich: „Makellos“.

      „Makellos“ – was bedeutet das eigentlich? Wir Literaturkritiker kommen ja immer in Verlegenheit, wenn es darum geht, geeignete Adjektive für eine gute literarische Übersetzung zu finden - bei den negativen tun wir uns ja bekanntlich nicht so schwer.

      Gestatten Sie mir dazu einen Gedankengang: Ich glaube, wir dürfen nicht aufhören. daran zu erinnern, was „Übersetzen“ eigentlich bedeutet. Dass es sich dabei nicht um ein bloßes Transportieren von Wörtern und Sätzen aus der einen in eine andere Sprache handelt. Wir wissen, es ist viel mehr. Denn ein Übersetzer muss den Ausgangstext in möglichst all seinen Facetten verstehen, und er muss begreifen, wie er sich sprachlich anfühlt. Er muss den Stil des Autors erfassen, indem er ihn quasi riecht, hört und schmeckt. Und dann all das in seiner Sprache nicht nachbilden, sondern überhaupt erst bilden: Jede Übersetzung ist ein unverwechselbarer Fingerabdruck - des Übersetzers, nicht des zu übersetzenden Autors. Der ist gewissermaßen – und das ist in keinster Weise despektierlich gemeint – das Papier, auf dem dieser Fingerabdruck aufgedrückt wird. Ein Papier, in das die Handlung, Dramaturgie, all die Bedeutungszeichen und natürlich auch der Stil des Autors wie Wasserzeichen eingelassen sind, zu denen besagter Fingerabdruck mit all seinen Papillarleisten passen muss, von denen er aber eben auch losgelöst zu betrachten ist.

      Wenn ich hier in meiner Lobrede auf den angehenden Preisträger gerade auch die sinnlichen Aspekte von Sprache hervorhebe, dann hat dies damit zu tun, dass eine der wichtigsten Qualitäten des Übersetzers Hans-Christian Oeser seine enorme Sprachsensibilität ist.

      Was wohl auch mit seinem Elternhaus zu tun hat. Denn der 1950 in Wiesbaden geborene Oeser ist in einem Musikerhaus großgeworden. Der Vater war Musikwissenschaftler und Musikverleger gewesen, die Mutter Konzertsängerin. Und in der eingangs erwähnten „Doppel-Kopf“-Sendung des Hessischen Rundfunks hat Oeser erzählt, dass er als Kind schon – wahrscheinlich mit einem Kochlöffel – Beethovens „Eroica“-Sinfonie dirigiert hätte, einen Teewagen als Dirigentenpult vor sich.

      Nun ist er kein Dirigent geworden. Und auch kein Gymnasiallehrer, der er nach seinem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft in Marburg und Berlin hatte werden wollen. Wenngleich er sich viele Jahre lang mit dem Lehren sein Brot verdient hat, im englischen Peterborough zunächst und dann ab 1980 an verschiedenen Bildungseinrichtungen in der irischen Hauptstadt Dublin. Wo er seitdem lebt – wobei er seine Lebens- und Arbeitszeit seit Anfang diesen Jahres zwischen Dublin und Berlin aufteilt.

      Hans-Christian Oeser also, um diesen Faden noch einmal kurz aufzunehmen, stammt aus einem Musikerhaus. Und ich glaube, dass diese musikalische Sphäre – man muss sich vorstellen, dass der kleine Hans-Christian seine Gute-Nacht-Lieder von einer Sopranistin, seiner Mutter, vorgesungen bekam –, dass diese musikalische Sphäre also, die ihn früh umgab, mit ein Grund für seine Fähigkeit ist, Sprache in all ihren Tönen und Schwingungen wahrzunehmen. Was wiederum die erwähnte Sprachsensibilität ausmacht und damit auch die „makellose“ Qualität seiner Übersetzungen, seiner Sprachkunstwerke.

      Bleibt mir am Ende meiner Laudatio nur noch jene Bemerkung Oesers aufzugreifen, mit der ich sie beginnen ließ: der „pekuniäre Aspekt“ eines Preises.

      Lieber Hans-Christian, mit der Verleihung des Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preises an dich kommt nun auch Geld in deine Schatulle. Das ist fein, denn mit diesem Geld kannst du für einige Zeit etwas abgesicherter arbeiten, also übersetzen oder dich auf literarische Trüffelsuche begeben.

      Was auch uns Lesern zugutekommt. Denn so dürfen wir auch in Zukunft Bücher in den Händen halten, wo Maeve Brennan, William Trevor oder auch Molly McCloskey oder Derek Mahon draufsteht und wo doch auch ein echter Hans-Christian Oeser drin ist.

      Herzlichen Glückwunsch, lieber Hans-Christian!

      Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(gehalten am 8. Oktober 2010 in Frankfurt am Main)

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