presse - artikel

Claudia Steinitz


Preise der Ledig-Rowohlt-Stiftung an Jürgen Brôcan, Hans-Christian Oeser und Christian Hansen


Frankfurt am Main, 8. Oktober 2010


Auch Übersetzer sind dabei, wenn die Ledig-Rowohlt-Stiftung alljährlich am Messefreitag drei renommierte Übersetzer-preise verleiht. Nicht viele, zugegeben, aber neben den Preisträgern waren es in diesem Jahr immerhin das Jury-Mitglied Susanne Höbel, der VdÜ-Vorsitzende Hinrich Schmidt-Henkel und die
Berichterstatterin. Das festliche Diner, das den Rahmen für die Verleihung bildet, wird in erster Linie für "deutsche und ausländische Verleger und Vertreter des literarischen Lebens serviert."

      Verliehen wurden: der Ledig-Rowohlt-Preis für einen Übersetzer aus dem Englischen an Hans-Christian-Oeser "für sein gesamtes übersetzerisches Werk, das zahlreiche wichtige Bücher englischer und vor allem irischer Autoren umfasst, etwa von Anne Enright, Ian McEwan, Dermot Healy und Maeve Brennan"; der Jane-Scatcherd-Preis für einen Übersetzer aus einer anderen Sprache an Christian Hansen "für seine Übersetzungen aus dem Spanischen, insbesondere für seine kongeniale Übertragung von Roberto Bolaños großem nachgelassenem Roman 2666, der – nicht zuletzt wegen seiner Sprachmächtigkeit – als literarisches Ereignis gefeiert wurde"; und der Paul-Scheerbart-Preis an Jürgen Brôcan "für seine Übertragung des großen 'demokratischen' Lobgesangs auf Amerikas Aufbruch, Grasblätter von Walt Whitman. In dem damit erstmals vollständig auf Deutsch vorliegenden Werk findet Brôcan für die vielfach wechselnden Tonarten eine vielseitige und angemessene Sprache".

   Gespeist wurde an ca. 20 Tischen nach einer vorher festgelegten Tischordnung, und fast hätte ich es sogar an einen Preisträgertisch geschafft, wäre nicht im letzten Moment die Verwechslung mit der Lebensgefährtin des zu Preisenden aufgedeckt worden. Zwischen den Gängen wurden die Laudationes und die Dankesreden gehalten. [...]

        Nach dem Hauptgang wurde der Hauptpreis, der Ledig-Rowohlt-Preis, an Hans-Christian Oeser verliehen. Thomas Plaul würdigte ihn als einen Vertreter des mysteriösen Menschenschlags, dessen Tag mehr als 24 Stunden haben müsse, habe er doch in 21 Jahren über 100 Romane, Erzählungen und Gedichtbände übersetzt, sowie etliche weitere Bücher verfasst, herausgegeben oder verlegt. Jede Übersetzung, so Plaul, sei ein eigener, unverwechselbarer Fingerabdruck des Übersetzers auf dem Papier, das gewissermaßen der Autor bilde. Eine von Oesers wichtigsten Qualitäten sei seine enorme Sprachsensibilität. "Man muss sich vorstellen, dass der kleine Hans-Christian seine Gute-Nacht-Lieder von einer Sopranistin, seiner Mutter, vorgesungen bekam, und ich glaube, dass diese musikalische
Sphäre mit ein Grund für seine Fähigkeit ist, Sprache in all ihrenTönen und Schwingungen wahrzunehmen."

      Der so Gepriesene setzte mit einer semantisch-vergleichenden Analyse von "I have fallen in love" und "Ich habe mich verliebt" ein, sprach über die Gratwanderung zwischen Treue und Freiheit und endete bei so schönen deutschen Wörtern wie mutterseelenallein, Hochgebirgshabseligkeiten (Thomas Bernhard) und Knabenmorgen-blütenträume.

     "Der Preisträger", zitierte er Georges-Arthur Goldschmidt, "ist einer, der den Preis trägt (...)." Die diesjährigen Preisträger der Ledig-Rowohlt-Stiftung tragen den ihren gewiss wohlverdient und sind nicht genug zu preisen.

(Übersetzen, 45. Jg. 1/2011, S. 3-4)

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