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Roland Stöß

 

Chance zur eigenen Gestaltung

 

CALW. Von September bis November weilt der derzeitige Hesse-Stipendiat der Hermann-Hesse-Stiftung, Hans-Christian Oeser, in Calw. Wer dieser Mann ist, wie sein Tätigkeitsfeld aussieht und wie er selbst seine Berufung als Übersetzer und Autor sieht, erfuhren im Hesse-Museum viele interessierte Bürger. Diesen las Oeser aus seinen Arbeiten vor.

      Es war die Idee des Herbert Schnierle-Lutz, den lange in Irland lebenden, in der Fachwelt anerkannten Übersetzer für eine besondere Lesung zu gewinnen. Oeser, Übersetzer von mehr als 150 Werken aus der irischen, englischen und amerikanischen Sprache, stellte sein schöpferisches Leben und das damit verbundene Tun in unterhaltsamer Weise dar. Momentan lebe er sehr gerne unter dem Dach des Hesse-Geburtshauses. Die dort dargebotene Gastfreundschaft und die Möglichkeit, so besonders konzentriert arbeiten zu dürfen, werfen ein positives Licht auf seine dreimonatige Calwer Zeit.

      Bevor es zur mit Spannung erwarteten Lesung kam, begegneten sich Schnierle-Lutz und Oeser in Frage und Antwort.

Oeser nutzte seine Chance und verstärkte die geringe Wahrnehmung, auf die ein Übersetzer in der Öffentlichkeit trifft. Es gelang ihm mit seinen Ausführungen, auf den hohen Stellenwert seines besonders einzigartigen Berufsstandes aufmerksam zu machen; diesen aus der Anonymität herauszuholen. Die Besucher erlangten so eine Nähe zur Bedeutung und Unverzichtbarkeit der Übersetzungskunst.

      Man hörte Oeser selbstbewusst sagen, dass ein Übersetzer selbst ein Schriftsteller ist. Zwar gebe es ohne Original keine Übersetzung. Einleuchtend sei ebenso, dass es ohne Übersetzung kein Original gibt. Da hält es der gebürtige Wiesbadener gerne mit dem portugiesischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Saramago, nach dem die Weltliteratur von Übersetzern gemacht wird.

      Philosophisch tastete sich der Übersetzer Oeser an die Frage heran: "Gibt es absolute Treue zum Original oder gibt es absolute Freiheit gegenüber dem Original?" Um zu antworten mit einem variablen "auch hier unterscheidet man von Fall zu Fall". Jedes einzelne Wort müsse interpretiert werden.

      Deswegen ist eine Übersetzung höchst individuell. Mehrere Übersetzungen eines Textes bedeuten auch mehrere Interpretationen. Beispiele ließen deutlich werden, was damit gemeint war.

      Oeser, selbst auch Buchautor, sieht die Begriffe "Echo“, „Schatten“, „Abbild“ oder „Spiegel", in den Kontext mit der Übersetzung gesetzt, negativ. Er mag die Tätigkeit des Übersetzens lieber als Chance zur eigenen Gestaltung erkennen. Mit Hegel gesprochen erkennt Oeser eine "Gestalt der Selbstentäußerung des Geistes".

      Herbert Schnierle-Lutz stimmte zu, weil auch er die Übersetzung, neben all dem handwerklichen Geschick, hauptsächlich als Kunst erkenne. "Manche Kritik bewertete die Übersetzung schon besser als das Original", so Schnierle-Lutz.

      Oeser betonte, dass ein Übersetzer nicht alles tun und lassen kann, wonach ihm zumute wäre. Vertraglich ist festgeschrieben, dass nichts hinzugefügt oder weggelassen werden darf, was der Autor geschrieben hat. Und dennoch: "Alles, was wir tun, ist hinzufügen – alles, was wir tun, ist weglassen".

      Mehr als vier bis fünf Aufträge im Jahr sind aus Zeitgründen nicht machbar. Zuletzt hat Oeser 3000 Seiten Mark Twain übersetzt. Ein solcher "Lebensabschnittspartner" begleite ihn dann die ganze Zeitspanne. Tag und Nacht. Eben wie in einer persönlichen Beziehung. Mit all der Liebe, aber auch dem Hass, der Abscheu und manchem Widerstand. Es könne schon auch einmal sein, dass sich der Übersetzer wie ein Fließbandarbeiter vorkommt, angesichts der Masse vorgegebener Texte und Worte. Manchesmal "muss man sich selbst klar werden, was man da treibt – und manchmal ist es mir selbst nicht klar", verriet Oeser augenzwinkernd.

      Im museumseigenen Saal Schüz wurde das Schaffen des Stiftungspreisträgers insbesondere bei seinen Lesungen offenbar. Zwei Buchauszüge und drei Gedichte motivierten die Zuhörenden zu Beifall.

      Der Vorlesende, das merkte man deutlich, versetzte sich sowohl in die Person der Romanfiguren als auch in die Psyche der Schreibenden hinein; identifizierte sich mit diesen und den Geschichten. Immer, beispielweise bei der Lesung des Gedichts „Traktatus“ ("Die Welt ist alles, was der Fall ist") oder bei Maeve Brennans "Geschichten einer Ehe" bestach Hans-Christian Oeser durch seine glasklare Ausdrucksweise, die außergewöhnliche Redegewandtheit, verbunden mit einer einzigartigen Tonalität in einer beeindruckenden Stimme.

      "Gedanken sind gewisslich wahr und sind wie Dinge wunderbar (...) Gedanken sind die wahren Dinge – aus denen Freud und alles Leid entspringe". Dieses von Oeser übersetzte Gedicht von Thomas Traherne (17. Jahrhundert) war der Höhepunkt einer aufklärenden, interessanten und sehr kurzweiligen Kulturveranstaltung.

 

(Schwarzwälder Bote, 15. November 2017, leicht korrigierte Fassung)

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